Forensische Phonetik

- Sendung vom 06.08.2012, 16:05 bis 17:00 Uhr
Forensische Phonetik - Der Stimme auf der Spur
Wie Stimm-Detektive dabei helfen, Verbrechen aufzuklären
Das Gladbecker Geiseldrama 1988. Die Reemtsma-Entführung 1996. Die Bombendrohung am Düsseldorfer Flughafen 2003. Wenn die Polizei forensische Phonetiker um Hilfe bittet, geht es oft um Leben und Tod. Die Spezialisten für Sprechererkennung können dem Täter über die Stimme auf die Spur kommen. Denn sie verrät auch verschlüsselt viel über einen Menschen.
Der Leonardo-Beitrag zum Nachhören
"Forensische Phonetik - der Stimme auf der Spur" von Christian Eßer
![altmodisches Telefon, davor ein Sonagramm [M], Rechte: WDR/Sabine Schmitt altmodisches Telefon, davor ein Sonagramm [M], Rechte: WDR/Sabine Schmitt](/fileadmin/user_upload/Sendungen/Leonardo/2012/08_August/Beitragsbilder/20120806_telefon1_wdr_schmitt_288.jpg)
- Telefonmitschnitte überprüfen
Es ist der 13. September 2003 und kurz vor Ende der Sommerferien, als am Düsseldorfer Flughafen ein mysteriöser Anruf eingeht: "Flughafen Düsseldorf?" "Hallo, morgen Bombe 14 Uhr!" "Bitte?" "14 Uhr Bombe morgen!" "Wa… Hören Sie mal, können Sie das bitte noch mal wiederholen?" "Der Flughafen muss morgen geschlossen werden, sonst Bombe, 14 Uhr!"
Der Flughafen wird sofort gesperrt
Die Flughafenbetreiber und die Polizei reagieren sofort. Sie fordern Sprengstoff-Spürhunde an und lassen zusätzliche Sicherheitskräfte auf dem Gelände patrouillieren. Außerdem verschärfen sie die Personenkontrollen – und sie starten die Fahndung nach dem Anrufer. Handelt es sich um einen Mann oder eine Frau? Wie alt ist die betreffende Person? Wo stammt sie her? Von wo rief sie an? Und in welchem emotionalen Zustand befindet sie sich?
Hauptberufliche Stimm-Detektive

- Polizei beschäftigt eigene Experten
Um das Täterprofil eingrenzen zu können, setzt die Polizei Stimm-Detektive ein. Die Experten heißen in Fachkreisen forensische Phonetiker, und sie können mithilfe eines Computerprogramms über die Stimme ein Profil des Anrufers erstellen. Das ist bei der Suche nach Erpressern, Entführern, Mördern oder Terroristen so hilfreich, dass sich das Bundeskriminalamt und die Landeskriminalämter in Nordrhein-Westfalen, Berlin, Bayern und Brandenburg hauptberufliche Sprechererkenner leisten.
Verstellte Stimmen

- Florian Glitza
"Die Stimme eines Menschen beinhaltet eine Vielfalt von Merkmalen auf den Ebenen Stimmgebung, Sprache und Sprechweise", sagt Florian Glitza, der für das Landeskriminalamt Berlin als Sprechererkenner im Einsatz ist. "Wenn jemand seine Stimme verstellt, dann gelingt dieser Person nur eine durchgängige Verstellung von in der Regel einem bis drei ihrer Merkmale." So kann dann zum Beispiel die Stimmtonhöhe verändert oder ein Dialekt vorgetäuscht werden, während andere Merkmale unberührt bleiben.
Mann oder Frau?
Einem Menschen mit durchschnittlicher Stimmlage ist relativ einfach ein Geschlecht zuzuordnen. Das liegt aber nicht daran, dass Männer hörbar tief und Frauen hoch sprechen. Olaf Köster vom Bundeskriminalamt kann das Geschlecht anhand von Zahlen festmachen. Sieht der Spezialist am Computer, dass die Stimmlippen etwa 100- bis 120-mal pro Sekunde schwingen, weiß er: Es handelt sich um einen Mann. Denn bei Frauen schwingen sie etwa doppelt so häufig. Der Grund für den Unterschied ist der Sprechapparat von Männern und Frauen, denn der ist unterschiedlich dimensioniert.
Alter des Anrufers

- Alter durch Aufnahmen abschätzen
Forensische Phonetiker können sie das Alter eines Menschen meist auf plus minus fünf Jahre abschätzen. Allerdings: Sie geben immer nur das so genannte biologische und nicht das tatsächliche Lebensalter an. Es gibt viele Faktoren, die die Stimme verändern können - zum Beispiel das Rauchen: So werden Menschen, die ein Päckchen Zigaretten rauchen, im Schnitt um acht Jahre älter geschätzt. Außer den Abnutzungserscheinungen verraten aber auch Parameter wie der Sprachfluss, die Sprechgeschwindigkeit und das Vokabular etwas über das Alter des Sprechers, sagt Florian Glitza vom LKA Berlin.
Dialekte und Akzente
Im Alter von fünf bis 15 Jahren durchlaufen Menschen die so genannte "Sprachprägephase". Das bedeutet: In dieser Zeit entscheidet sich für den Rest des Lebens, wie wir einzelne Worte aussprechen. Deshalb ist es fast unmöglich, als Erwachsener die regionale Färbung wieder loszuwerden. Forensische Phonetikern können die Herkunft eines Täters häufig bis auf wenige Kilometer eingrenzen. Köster vom BKA erinnert sich an einen Fall, bei dem ein Sprecher mit russischem Akzent eine Million Euro von einem Unternehmen erpressen wollte. Zudem kam auch noch eine regionale Sprachfärbung. Als er sagte "Vielleicht weißt Du das noch nitt, aber isch weiß es. Ich bin überall mit drin." – da wusste der Experte, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um einen moselfränkischen Sprecher handelt.
Hintergrundgeräusche
Ein vorbeifahrender Lkw, das Klingeln eines Mikrowellenherdes, das Bellen eines Hundes, eine Bahnhofsdurchsage: Dinge wie diese zu berücksichtigen, ist häufig ganz wichtig. "Sie helfen, die Örtlichkeit, von der aus telefoniert wird, näher einzuschätzen", sagt Angelika Braun, die heute Professorin für Phonetik an der Universität Trier ist und schon vor mehr 25 Jahren als BKA-Angestellte genau hinhörte, wenn Verbrecher sprechen.
Wie wurde der Fall in Düsseldorf gelöst?
Im Fall der Bombendrohung am Düsseldorfer ging das Tonmaterial an Olaf Köster vom Bundeskriminalamt. Nachdem er die Studentin Marina B. über ein Stimmprofil und einen Stimmenvergleich als Anruferin identifiziert hatte, legte sie ein Geständnis ab. Sie hatte Liebeskummer und inszenierte Drohung, um nicht mit ihrem Freund in den Urlaub fliegen zu müssen.
Stand: 06.08.2012




![Bild: Pfanne mit Atom; Rechte: interfoto/mauritius images/WDR[m]](/fileadmin/user_upload/Sendungen/Leonardo/2012/Kuechenexperimente/Foto/kuechenexperimente_160x70.jpg)

