Die Pest

Collage: Die Pest; Rechte: dpa Picture-Alliance / Enno Klei

Hörspiel spezial am 4., 5. und 6. Januar 2010


Hörspiel spezial auf WDR 5

"Die Pest" - Modellversuch in Sachen Humanität

Die Katastrophe muss sich im Jahrhundert geirrt haben. So wenig will sie in die moderne Hafenstadt Oran passen, in den 40er-Jahren, im französisch verwalteten Algerien. Noch als die Epidemie die Einwohner völlig von der Außenwelt abgeschnitten hat, wagt kaum jemand, sie beim Namen zu nennen. So absurd erscheint ihr Auftauchen aus einer barbarischen Vorzeit.


Albert Camus; Rechte: INTERFOTO
Albert Camus

Albert Camus’ Roman „Die Pest“ ist 1947 erschienen und entstand unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs. Während der deutschen Besetzung arbeitete Camus als Lehrer in Oran, schrieb für die Widerstandspresse und kämpfte in der Résistance. Wenn man die klassische Schullektüre heu­te wieder liest, wirkt das Buch selbst wie aus der Zeit gefallen. Parabelhaft schildert Camus den Kampf des Arztes Bernhard Rieux gegen die Seuche. An vielen weiteren Figuren führt er vor, wie Menschen ihre Überzeugungen in Fra­ge stellen, wie sie versuchen, die Ge­fahr gemeinsam zu überwinden, oder im Ausnahmezustand den eigenen Vor­teil wittern. „Die Pest“ ist ein Test, ein Modellversuch in Sachen Humanität, der grundlegende Fragen nach dem richtigen Leben aufwirft. Hat er uns heute noch etwas zu sagen?


50 Jahre nach dem frühen Tod des Au­tors, der am 4. Januar 1960 bei einem Autounfall starb, erwacht der Roman jetzt als Hörspiel zu neuem Leben. Schlaglichtartig werden die einzelnen Charaktere eingeführt. Der Regisseur Frank-Erich Hübner legt besonderen Wert darauf, dass die Haltung der Figuren und ihre widersprüchlichen Moti­vationen auch emotional nachvollzieh­bar werden.


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Hörprobe: Die Pest


Sechs Meter Deckenhöhe, schallschluckendes Material

„Im Hörspiel werden die Figuren leben­diger und eigenständiger“, sagt Götz Schubert, der Doktor Rieux spielt. „Es macht großen Spaß, dieses Buch ins Radio zu übersetzen, indem wir ihm At­mosphäre und einen Raum geben.“ Und was für einen Raum: über sechs Meter lichte Deckenhöhe, die Wände verziert mit geschnitzten Ornamenten, hinter denen schallschluckendes Material die Klänge dämpft. Für andere akustische Situationen sind gleich daneben glatte Oberflächen, die den Schall hart reflek­tieren. Vorhänge und gepolsterte Stell­wände sorgen für beliebige Variationen und für „Außenaufnahmen“ gibt es eine schalltote Kabine.


Götz Schubert, deutscher Schauspieler, 27.06.2008 in Mainz. Foto: dpa/Erwin Elsner
Götz Schubert spielt Bernhard Rieux

Die Aufnahmen für „Die Pest“ finden im Berliner „Studio P4“ statt, in den Räu­men des ehemaligen DDR Rundfunks. In den 50er-Jahren im Bauhaus-Stil er­richtet, wird der Studiokomplex für sein Flair und seine einzigartige Akustik in­ternational immer noch hoch geschätzt. Zu DDR-Zeiten war das Funkhaus an der Nalepastraße eine eigene kleine Stadt mit Kantinen und Lebensmittelladen, Eisdiele, Friseur, Buchhandlung und Sauna. Rund 5000 Menschen arbeiteten hier vor der Wende.

Götz Schubert hat schon als Student der Schauspielschule Ernst Busch an Hörspiel-Produktionen mitgewirkt und ist dabei den Stimmen der Märchen­schallplatten seiner Kindheit wieder begegnet: Schauspielern der Berliner Theater, die oft nachts, nach der Auf­führung, noch hier heraus fuhren. Mit der Figur Bernhard Rieux kann Götz Schubert viel anfangen: „Seine Lebenshaltung ist mir sehr nah, mit Sinn für Anstand, aber dabei nicht heldisch und ohne großes Gewese. Wenn ich das auf meine private Ost- Geschichte beziehe: Ich war auch kein Held, wenn es um politische Auseinan­dersetzungen ging. Trotzdem gab es Situationen, wo ich öffentlich Stellung beziehen musste. Und im Nachhinein bin ich stolz auf meine gute Kinderstu­be, weil ich mich, zwar in höchster Not, aber letztendlich anständig in diesem Moment verhalten habe.“


Camus' Roman ist offen für viele Wirklichkeitsbezüge

Wie in einem Dampfkessel erhöht Camus den Druck, der in der isolierten Stadt auf jedem Einzelnen lastet, bis er die eigenen Grundwerte in Frage stellen und eine Entscheidung treffen muss.


Jürgen Tarrach im Film "Die Musterknaben", BRD 1997, Rechte: dpa/Interfoto
Jürgen Tarrach agiert - auch im Hörspiel - mit vollem Körpereinsatz

Rieux’ Gefährte Jean Tarrou, gespielt von Jürgen Tarrach, ist ein zum Pazi­fismus bekehrter Freiheitskämpfer, der an allen Fronten der europäischen Linken stand, bis er erkannte, dass er, um Staatsterror zu bekämpfen, selbst getötet und das Töten gebilligt hat. Als Jugendlichen hat Tarrach ein solches Dilemma im „Deutschen Herbst“ ge­streift: „Wenn ich als 16-, 17-Jähriger aus dem Umland nach Köln fuhr, um eine neue Platte zu kaufen, und alle Rheinbrücken von Polizisten mit Ma­schinenpistolen gesperrt waren, wurde ein Auto, in dem nur junge Leute saßen, natürlich immer kontrolliert. Wir hatten damals wirklich Angst, dass der Staat, herausgefordert durch die Terroristen, zu dem autoritären Apparat werden könnte, den sie in ihm sahen.“

Camus’ Roman von der Pest, der unsere Moral so insistierend herausfordert, ist offen für viele Wirklichkeitsbezüge. Aber damit er uns, mehr als ein halbes Jahr­hundert nach seinem Erscheinen, wieder erreicht, braucht es Stimmen von heu­te, die die Zuhörer ohne Filter anspre­chen und in die Geschichte hineinzie­hen. „Man kann ja keine Ideen spielen“, sagt Jürgen Tarrach, „es müssen schon Menschen sein.“ Er ist ein skeptischer Hörspiel-Akteur, der als Filmschauspie­ler am liebsten mit vollem Körpereinsatz agiert und auch die Chance für das Hör­spiel darin sieht, „durch die Lebendigkeit die Philosophie erst mal zu vergessen“. So kann die Parabel uns wieder nahe ge­hen und dazu einladen, der Gefahr neue Namen zu geben.

Frank Kaspar






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