Interview mit Georg Bühren

Schuldenzettel mit Euro-Münzen; Rechte: WDR

"B(L)ANK" - Hörspielreihe vom 21. Februar bis 13. März 2012


Staatsdefizite in Billionenhöhe, Herabstufung der Kreditwürdigkeit, Schuldenschnitt - trotz ihrer medialen Präsenz bleiben diese Schlagworte ungreifbar. Die vier Hörspiele der Reihe "B(l)ank" (dienstags, 21. Februar bis 13. März, jeweils 20:05 Uhr) verringern die Distanz zum abstrakten Phänomen Geld. Sie spielen mit den individuellen Aspekten zwischen Gewinn und Verlust und den verborgenen Triebkräften des Wirtschaftslebens.


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Hörprobe "Kleine Geschäfte" (Sendedatum 21.02.2012)


Georg Bühren

Interview mit Georg Bühren, Dramaturg in der Programmgruppe Hörspiel und Feature, über Staatshaushalt, Spekulation und Scham

Was war der Auslöser für den Schwerpunkt?
Georg Bühren: Wir sind bei unseren Planungen schon vor einem Jahr auf ein Thema gestoßen, das gesellschaftlich - nicht erst seit der Wulff-Affäre - eine zunehmend größere Rolle spielt: die Scham, das Schamgefühl, die öffentliche Bloßstellung, die moralische Doppelbindung: Wer hat den Mut zur Scham und wer darf denn eigentlich sagen: "Schämt euch!" Und in diesem großen Thema, das wir zum Schwerpunkt unserer Hörspielarbeit im 1. Halbjahr 2012 gemacht haben, spielt Geld natürlich eine große Rolle. Zu viel Geld zu haben, weckt den Neid der anderen, Reichtum zu präsentieren stellt die Frage nach dem Schamgefühl, auf der anderen Seite ist Armut, Geldmangel, in vielerlei Hinsicht beschämend.

Welches Ziel verfolgen die Hörspiele? Was will der Schwerpunkt erreichen?
Bühren: Auch wenn wir - im Gegensatz zu unseren journalistischen Kollegen - "nur spielen" wollen, ist Hörspiel ja nichts Exotisches. Wir spielen ja auf dem Boden der Tatsachen. Alle Themen der Zeit, des politischen Alltags und kultureller Entwicklungen kommen natürlich in unseren Hörspielen vor. Ein Beispiel: Zum 20. Jahrestag des Maastricht-Abkommens gab es ein Hörspiel in dem ein EU-Politiker versucht, die Europabegeisterung zu fördern. Und zu den großen Fragen der Zeit gehört natürlich: Wie geht es weiter mit Euro und Europa? Aber die Zahlenmodelle bleiben natürlich abstrakt, wie fühlt sich das an, eine Billion? Was ist ein Schuldenschnitt? Auf der privaten Ebene sieht das anders aus, das kann man am besten in Geschichten erzählen.

Ist es überhaupt möglich, ein so komplexes Thema wie die Finanzkrise umfassend in einem Schwerpunkt abzubilden? Wie ging die Programmgruppe Hörspiel bei der Konzeptionierung vor?
Bühren: Wir können nur transferieren - von den nüchternen Zahlen und den Fakten auf die individuelle Ebene. Ich glaube, es war Max Frisch, der diesen Widerspruch zwischen dem großen Ganzen und dem Kleinen im Individuum einmal auf die Formel brachte: "Es ist nicht die Zeit für Ich-Geschichten. Und doch vollzieht sich das menschliche Leben oder verfehlt sich am einzelnen Ich, nirgends sonst." Also: Was passiert, wenn ich mit meinen gesparten 125.000 Euro in ein Altenheim gehe und mit diesem Geld an der Börse spekuliere? Was ist das, die persönliche Pleite, der Striptease, den meine Bank mir abverlangt? Was passiert, wenn Bänker einen Eid ableisten müssten, weder dem Gemeinwesen noch dem Privatmann Schaden zuzufügen? Was passiert, wenn eine weltweite Entführungsaktion zur Vernichtung von 300 Milliarden Euro führt? Das Kleine und das Große, das Private und das Gesellschaftliche - in den vier Hörspielen der Reihe "B(l)ank" sind all diese Aspekte zu finden, erzählt in Geschichten, nicht in nüchternen Fakten.

Ist es einfacher, die Krisensituation durch (fiktive) Hörspiele zu erklären und zu verstehen, als durch Berichte und Features?
Bühren: Wir sind hoffentlich keine Didaktiker, der Erkenntnisgewinn ist im besten Falle indirekt, subkutan, aber darum vielleicht um so wirkungsvoller. Wir unterhalten, führen in andere Lebens- und Erlebenswelten, das kann eine sinnvolle Ergänzung zum übrigen Informationsprogramm sein.

Scham ist ein Aspekt, der in "B(l)ank" thematisiert wird. Muss sich schämen, wer blank oder wer reich ist? Geben die Hörspiele darauf eine Antwort?
Bühren: Dieser Herr Alpsteg, Vorname ausgerechnet Lenin, der schämt sich schon in Markus Köbelis Hörspiel „Lenin“ - nicht seines Namens wegen, aber er passt mit seinen vergleichsweise kleinen Ersparnissen nicht in die Welt der reichen, alten Leute in der Altersresidenz. Da schämt er sich. Aber der reiche Fabrikant, der ihm empfiehlt sein Geld in seine eigene Firma zu investieren, von der er schon weiß, dass sie bald nicht mehr existieren wird, der schämt sich nicht. Aber auch "Fremdschämen" ist natürlich ein Aspekt. Etwa bei den finanziellen Enthüllungen in dem preisgekrönten Hörspiel "STRIPPED - Ein Leben in Kontoauszügen".

"STRIPPED“ basiert auf den Kontoauszügen des Autors, der "blank zieht“ und uns an seinem Privatleben teilhaben lässt. Die Kreditkarte fungiert hier als Teilkonzept des Prinzips "Gläserner Mensch“. Wie passt dieser Aspekt in das Konzept des Schwerpunkts?
Bühren: Das Offenlegen des Privaten ist hier natürlich wesentlicher Bestandteil des Spiels. Das Hörspiel funktioniert nur durch diese Grenzüberschreitung des privaten Offenbarungseids. Die Geldsorgen eines Individuums sind greifbarer als die Finanzprobleme eines EU-Mitgliedstaates. Und dennoch sind die Grundprinzipien und  -mechanismen vergleichbar.

Ist ein moralisches Regelwerk für die Finanzmärkte – wie es in "Kleine Geschäfte" beschrieben wird – ein Heilmittel gegen Korruption in der Finanzwelt?
Bühren: Schon im 19. Jahrhundert wurde klar, dass die ungebremste Kraft der Gewinnmaximierung nicht automatisch zu gesellschaftlichen Verbesserungen führt. Das Gegenteil war der Fall: Verelendung, Volksaufstände, letztlich sogar Kriege. Natürlich trägt ein Hersteller von Mobiltelefonen eine Mitverantwortung, wenn in seinen Fabriken brutal ausgebeutete Arbeiter sich in den Tod stürzen. Das ist mit dem Verweis auf die harte Konkurrenzsituation der Märkte ebenso wenig entschuldigt, wie das Vorgehen der sogenannten "Heuschrecken". Die einfachen Grundregeln des menschlichen Miteinanders würden als Regelwerk ausreichen, wenn das System nicht dazu aufforderte, seinem Mitmenschen, seinem Konkurrenten, ein schlaues oder dreistes Schnippchen zu schlagen. Der Journalist - und Scham-Experte - Till Briegleb hat für unser aktuelles Programmheft einen Artikel zur "B(l)ank"-Reihe geschrieben. Darin zitiert er den Soziologen Thorstein Veblen, der schon 1899 aufzeigte, dass die eigentliche Antriebskraft des kapitalistischen Finanzsystems die Aggression ist, die Lust, andere zu demütigen. In der satirischen Umkehrung, mit der das Hörspiel "Kleine Geschäfte" arbeitet, wird die Diskrepanz dieses fiktiven "SiGrud-Eids", also das Bekenntnis zu den "Sittlichen Grundwerten" und den täglichen Herausforderungen der Realität besonders deutlich. Selbstverpflichtungen und moralische Appelle haben es schwer, wenn der persönliche Vorteil auf dem Spiel steht.

von Markus Kubitza für die WDR Radiobroschüre (pdf)





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