B(l)ANK von Till Briegleb

Schuldenzettel mit Euro-Münzen; Rechte: WDR

Die B(L)ANK-Hörspielreihe vom 21.02. bis zum 13.03. dienstags um 20:05




B(L)ANK


von Till Briegleb

Staatsdefizite in Billionenhöhe bleiben abstrakt, persönliche Zahlungsunfähigkeit ist dagegen sehr konkret. Wer "blank" ist, weiß, was Demut heißt. Vier Hörspiele zu privaten, ethischen Aspekten des Verlustes von Geld, Werten und Würde.

Thorstein Veblen hat in seiner "Theorie der feinen Leute" mal einen sehr schönen Gedanken zum Verhältnis von Wirtschaft und Scham geäußert: "Wenn es wirklich stimmen würde, dass der Anreiz zum Akkumulieren von Gütern nur im Wunsch nach materiellem Komfort liegt, dann müsste es möglich sein, die wirtschaftlichen Bedürfnisse einer Gesellschaft an einem bestimmten Punkt der industriellen Entwicklung ganz zu befriedigen. Da aber der Kampf in erster Linie in einem Wettlauf um Ansehen und Ehrbarkeit besteht, die beide auf einem diskriminierenden Vergleich beruhen, kann dieses Ziel niemals erreicht werden."

"Die eigentliche Belohnung für Erfolg ist [...], sie leiden zu sehen."

Veblens Untersuchung der verborgenen Antriebskräfte des Wirtschaftslebens, die er 1899 in den USA veröffentlichte, ist deswegen ein bis heute originelles Buch geblieben, weil dieser schrullige Soziologe sich mit Absichten beschäftigte, welche in der theologischen Selbstverklärung des Kapitalismus als bestem aller Systeme stets verschämt verschwiegen werden. Nach Veblen ist der stärkste Anreiz, sich Wohlstand zu verschaffen, die Lust, andere zu demütigen. Während Verteidiger des Kapitalismus Reichtum als Belohnung für Erfolg rundum positiv bewerten, erklärte Veblen, dass das Prestige, das man sich verdient und zeigt, vor allem ein Ausdruck von Aggression ist. Die eigentliche Belohnung des wirtschaftlichen Erfolgs ist der "diskriminierende Vergleich", also der Genuss, andere hinter sich zu lassen, ihnen ihre Grenzen aufzuzeigen, sie leiden zu sehen.


Oft ein Gewinner: Josef Ackermann, Deutsche Bank ...

Verlierer sind erwünscht

Wenn diese These stimmt – und es spricht doch einiges dafür, wenn man sich den Wettkampf junger Börsenprofis, Josef Ackermanns Victory-Zeichen vor Gericht oder die Lust am demonstrativ unbescheidenen Gebaren so genannter Prominenter betrachtet –, dann wird die Waffe moralischer Verurteilung für die Krisen aus Gier und Eigennutz leider stumpf. Das Wort "beschämend" für die Rücksichtslosigkeit von Finanzspekulationen und die profitorientierte Ausbeutung der Welt, also der weit verbreitete Imperativ in Richtung der Banken und Konzerne, "Schämt euch!", ist dann nämlich falsch verwendet. Scham kann nur dort auftreten, wo Menschen gegen ihre eigenen Wertmaßstäbe handeln und dabei ertappt werden. Wenn die Verschärfung gesellschaftlicher Gegensätze aber tatsächlich dem eigenen Hochgefühl dient, dann ist nach Veblen der Untergang der Anderen gerade kein Kollateralschaden des Egoismus, sondern der heilige Zweck des Systems. Verlierer sind ausdrücklich erwünscht und demnach nichts, wofür sich ein Manager, ein Spekulant oder eine unverdient Reiche wie Paris Hilton schämen müssten. Solange ihnen Neid oder Zorn entgegenschlägt, ist in ihrem Wertesystem alles in Ordnung. Das schlechte Gewissen kann tief und fest schlafen.


... wie auch US-Investor George Soros, der mit seinem Hedgefonds gegen Währungen wettet.

Das Leid der Menschen höher bewerten als den Kurs ihrer Aktien

Nun haben wir gewöhnlichen Menschen trotzdem Schwierig- keiten, uns vorzustellen, dass unsere Vorstellungen vom anständigen Mensch nur Opium für das Volk sind. Dass Steve Jobs sich an den brutalen Zuständen bei den chinesischen Herstellern seiner Apple-Produkte – wo erbärmlich bezahlte Arbeiter bei der I-Phone-Produktion so ausgebeutet werden, dass sie sich lieber vom Fabrikdach stürzen – auch noch ergötzt haben mag, das will man nicht glauben. Und ist nicht George Soros, der mit seinem Hedgefonds gegen Währungen wettet und damit in der Asienkrise Ende der Neunziger ganze Nationen ins Elend gestürzt hat, nicht auch einer der größten Philanthropen der Welt? Lässt sich also doch an das Schamgefühl der Mächtigen appellieren, damit sie das Leid der Menschen höher bewerten als den Kurs ihrer Aktien und Boni?
Zu dieser Frage gibt es bekanntlich unzählige und konträre Meinungen. Wer darauf "Nein" sagt, neigt entweder zum Umsturz oder zu strikter politischer Kontrolle des Wirtschafts- und Finanzwesens.


Geschäftsmann mit Kopf in Hand gestützt; Rechte: dpa
Es schämen sich andere: nämlich nur die, die am Profit verzweifeln.

Wer dagegen den Geldvermehrer nicht nur für einen Krieger im Anzug, sondern für einen emotional vollständigen Mensch hält, vertraut auf Diskussion, Aufklärung und die Not des Managers, sich für seine Taten zu rechtfertigen. Denn Rechtfertigung ist das Plädoyer des Schamgefühls, im Einklang mit allgemeinen Normen gehandelt zu haben – und somit ein Ansatzpunkt, Mächtige moralisch unter Druck zu setzen. Eine öffentliche Blamage – so weit ist Beschämung eben doch eine Waffe – ist selbst für den hartgesottensten Neoliberalen geschäftsschädigend.

Dummerweise weiß der Freund des "diskriminierenden Vergleichs" die Moral grundsätzlich auf seiner Seite. Gewinn und Sieg sind nunmal das Alpha und Omega einer Konkurrenzgesellschaft. Für Eigenutz schämt man sich nicht. Entsprechend schämen sich eher jene, die am Profit verzweifeln. Und dieses Schamgefühl, vor sich und den Anderen versagt zu haben, fesselt die Abhängigen in die Lethargie des schlechten Gewissens. So ist Scham im Wirtschaftsleben also vor allem ein Instrument, um Aufbegehren einzudämmen. Schließlich funktioniert Diskriminierung nur dadurch, dass der Gedemütigte eigentlich glaubt, was man ihm vorhält, und darüber schamvoll verstummt.

Neid speist das System

Also hat Thorstein Veblen vermutlich doch recht. Die Sucht des Erfolgreichen richtet sich nicht auf die Anzahl der Nullen auf seinem Konto, sondern auf die Menge der "Nullen", die ihm seinen Erfolg neiden. Und das ist dann doch eine beschämende Wahrheit über die innere Stabilität des Kapitalismus. Aber vielleicht auch eine Botschaft. Verzicht auf Neid entzieht dem System seine Kraft. Und spart einem selbst das Schamgefühl bei sogenannten Niederlagen. Damit kann man sofort beginnen.





Radio zum Mitnehmen

Blaues Ohr mit Ohrstöpsel mit von ihm ausgehenden Sendewellen vor blauem Hintergrund (Rechte: WDR)

Ihre Lieblingssendung als Podcast [mehr]

Radio Tatort

Logo des Radio Tatorts auf rotem Hintergrund mit Tintenflecken (Rechte: ARD)

Alle Folgen der ARD-Reihe [mehr]

Bild: Papierschiff mit Aktienkurs auf "Aktienmeer" auf Börsenseitung einer Tageszeitung; Rechte: dpa

Das Wirtschaftsmagazin - montags bis samstags, 18:05 Uhr [mehr]

Service

Bild: Schriftzug Stichwort Wirtschaft; Rechte: WDR

Die Profit-Redaktion erläutert wichtige Begriffe aus dem Wirtschaftsleben [mehr]