Heimat auf der Zunge

Grafische Collage von Röntgenbildern und einer Pipette mit Flüssigkeit (Rechte: WDR)
Feature:Serie, sonntags um 7:30 und 22:05 Uhr

Die Deutschen entdecken ihre Dialekte

Feature:Serie "Heimat auf der Zunge"

Mundart steht hoch im Kurs. Medien finden Gefallen an Plattdeutsch, die Unterhaltungsbranche findet Dialekt sowieso gut, Experten betonen den Nutzen von "Zweisprachigkeit". Und viele setzen Dialekt gleich mit Heimat.

Für unsere Feature:Serie "Heimat auf der Zunge" hat Autor Herbert Hoven mit vielen Menschen über ein sehr emotionales Thema gesprochen.


Von den Konflikten zwischen Dialekt und Hochsprache

Comiczeichnung eines typischen Bayers in Trachten; Rechte: picture-alliance/die-kleinert.de
"Du alter Saupreiß!": Granteln auf Bairisch

"Hochdeutsch", sagt Hermann Unterstöger von der "Süddeutschen Zeitung", sei für ihn eine "sehr nahe Fremdsprache". Der Journalist, der sowohl über Regionales schreibt wie für die berühmte SZ-Kolumne "Streiflicht", kennt Situationen, da sei es mit dem Hochdeutschen, wie wenn er nach längerer Zeit wieder mal Englisch sprechen müsse: "Man braucht zwei Tage und dann läuft es wieder ganz gut." Herbert Spiekermann, Redakteur beim NDR, betont, dass es mit Plattdeutsch eben nicht sei, wie mit den Mundarten Bairisch oder Schwäbisch. "Man kann bei uns nicht so schleichend rübergehen, wie die das können. Dass man also ein bisschen schwäbelt zum Beispiel. Entweder du schnackst Platt oder du sprichst Hochdeutsch." Und der Musiker Siegfried Haselbeck versteht sein Bairisch als "eine Form von Wurzel, von Wir-Identifikation, von Region. Der Dialekt ist nicht mit einer schlechteren Qualität verbunden. Im Gegenteil. Die Aussagefähigkeit ist hier für mich am Besten."


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Von den Konflikten zwischen Dialekt und Hochsprache




Das Prestige des Platt

Kinder lesen ein plattdeutsches Kinderbuch; Rechte: picture-alliance/dpa
Dialekt bildet: Kinder lesen Plattdeutsch

Heute gelten die deutschen Dialekte als akzeptierte Zweitsprache neben dem Hochdeutschen. Platt ist sogar prestigebesetzt. Je mehr Sprachen einer kann, desto besser fürs Leben, sagen Sprachexperten. Wer heute "Platt snackt", hat Gerd Spiekermann vom NDR beobachtet, erntet Bewunderung: "Die können das noch, das ist doch toll!" Aber so war das nicht immer. Dialekt zu sprechen, das war lange verpönt. Früher, sagt der Sprachwissenschaftler Heinz Menge, seien die Leute durchaus "scheel angesehen oder belächelt" worden, wenn Sie in Regionen, in denen Hochdeutsch Standard sei, mit Dialekteinfärbungen gesprochen hätten.


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Das Prestige des Platt




Die Aura des Unmittelbaren

Herbert Knebel in einer Straßenbahn; Rechte: dpa
Direkte, ehrliche Mundart: Ruhrpott-Kabarettist Herbert Knebel

"Wenn ich wirklich sauer bin", erzählt der mehrfach preisgekrönte Krimi-Autor Robert Hültner, "dann geht das nur über Bairisch". In seiner Mundart könne er aber eben auch "freundlicher, liebevoller, humorvoller und tröstender sein" als auf Hochdeutsch. Und Karl-Heinz Henrich, Lehrer und Kabarettist aus dem Ruhrgebiet, ergänzt, Ruhrplatt sei "direkt und ehrlich, manchmal schroff, aber insgesamt herzlich". Der Sprachwissenschaftler Heinz Menge warnt allerdings vor dem Ausspruch "Das kann man nur im Dialekt sagen!". Man könne in der Standardsprache alles so gut ausdrücken wie im Dialekt. Manche glauben allerdings, das sei nicht so. Das liege daran, so der Linguist, dass es bei vielen eine Zweiteilung der Sprachen gäbe. Also zum Beispiel "Plattdeutsch nur in alltäglichen, familiären Situationen, Hochdeutsch nur in formelleren."


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Die Aura des Unmittelbaren




Vom Aufschwung des Dialekts in Medien und Unterhaltung

Ina Müller; Rechte: picture-alliance
Moderiert im NDR auf Platt: Ina Müller

Sogar bei Katastrophen wie dem Tsunami in Fukushima oder beim Super-GAU in Tschernobyl hat der NDR auf Platt berichtet. Redakteur Gerd Spiekermann erzählt, dass viele gefragt hätten: "Geht das denn jetzt auf Platt? Da habe ich gesagt: Wenn das nicht geht, können wir diese Themen überhaupt nicht machen. Die Kollegen werden alle Seriosität in diese Themen bringen, die zu ihnen gehört." Und er weiß zu sagen, dass die Hörer seiner Sendungen sich noch nie beschwert hätten, dass etwas verniedlichend oder beschönigend gewesen sei. Auch bei den Hörspielen des ARD-Radiotatort kann man inzwischen deutlich dialektgefärbte Stimmen hören. Die Folgen des Bayerischen Rundfunks oder des WDR tauchen tief ein in die Milieus ihrer Protagonisten und Nebenfiguren. Mit dem Dialekt wollen viele Medien nicht zuletzt die regionalen Seiten ihres Profils schärfen.


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Vom Aufschwung des Dialekts in Medien und Unterhaltung


Stand: 09.07.11





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