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"Auf der Suche nach der gerechten Gesellschaft"
Erich Wulff, Sozialpsychiater und undogmatischer Linker
1926 in Estland geboren und 1939 ins besetzte Posen übergesiedelt, erlebte Erich Wulff schon früh, was es bedeutet, auf der Seite der Macht, aber auch der Ohnmacht zu sein. Der Deutschbalte war ein Junge mit schwacher Konstitution, der in keiner Weise dem nationalsozialistischen Männlichkeitsideal entsprach, immer in Gefahr, verspottet und ausgegrenzt zu werden. Andererseits wurde er als Deutscher in Polen ohne sein Zutun als Teil der verhassten und gefürchteten Besatzungsmacht wahrgenommen. Diese Erfahrungen haben sein Leben stark geprägt: Als Kämpfer gegen den Vietnamkrieg, als Reformer der Psychiatrie, lange bevor sich die offizielle Politik dieses Themas annahm.
Lebenslauf
- Geboren am 06.11.1926 in Tallinn (Reval)/Estland. Vater Lungenfacharzt und Angehöriger der deutschsprachigen Minderheit, Mutter Lettin. Wächst dreisprachig (Deutsch, Estnisch, Russisch) auf.
- Im November 1939 "Umsiedlung" nach Poznan ins deutschbesetzte Polen im Rahmen des Hitler- Stalinpaktes, Schulbesuch bis Juni 1944, danach Einberufung zur Wehrmacht, Kriegsdienst bei einer Infanterieeinheit in Ostpreußen, Kriegsgefangenschaft bis September 1945. Abiturkurs für Kriegsteilnehmer in Lippstadt 1946/47. Studium der Medizin und Philosophie in Köln 1947 -1953, Approbation zum Arzt 1953. Französisches Staatsstipendium in Paris 1953/54. Pflichtassistenz und psychiatrische Weiterbildung in Marburg, Bayreuth und Freiburg 1955 bis 1961, 1960 Promotion zum Dr.med. 1961-67 Lehrauftrag in der Universität Hué/Vietnam, dort Politisierung und Parteinahme gegen den amerikanischen Viernamkrieg. 1968 -74 Oberarzt der Psychiatrischen Universitätsklinik Gieße, 1969 Habilitation. Engagement in der deutschen Vietnam- Friedens- und antiimperialistischen Bewegung ab 1967, Mitbegründer der Psychiatrie- Reformbewegung, Mitarbeit an den Zeitschriften "Das Argument" und "Sozialpsychiatrische Informationen". 1972 Heirat mit Edith Toubiana, 1975 Geburt vom Jonathan, 1977 von Manuel, 1981 von Noemi. 1974 Berufung auf den Lehrstuhl für Sozialpsychiatrie der Medizinischen Hochschule Hannover. 1994 Emeritierung, 2003 Übersiedlung nach Paris.
- Buchveröffentlichungen: Vietnamesische Lehrjahre, Suhrkamp/Frankfurt 1968/72/79, Psychiatrie und Klassengesellschaft Fischer/Athenäum Frankfurt 1972, Eine Reise nach Vietnam. Suhrkamp/Frankfurt 1979, Psychisches Leiden und Politik, Campus/Frankfurt 1981, Wahnsinnslogik Psychiatrieverlag/Bonn 1995/2003, Irrfahrten. Autobiografie eines Psychiaters. Psychiatrieverlag Bonn 2001.
Autor/in:
Cornelia Schäfer
Redaktion:
Hanns Otto Engstfeld
Erlebte Geschichten: Erich Wulff





