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Eine Frau spaziert am Zaun eines Strandweges entlang (Rechte: WDR)
Sendung vom 07.03.2004, 07:05 bis 07:30 Uhr

Lehrjahre im Krieg

Von Anne Dorn

Der Bleicher war hinter dem Haus und dort stand die Wasserpumpe, von der das Kind vierzehn Eimer Wasser holen musste, wenn die Mutter große Wäsche machte. Abends mussten die Karbidlampen für die Fahrräder vorbereitet werden oder der Vater brauchte Hilfe bei seinen Bienenvölkern. Die Kölner Autorin Anne Dorn, 1925 in der Nähe von Dresden geboren, von Kind an in alles, was im Haushalt anfällt, einbezogen, wuchs mit Geschichten auf: Von der wendischen Großmutter, die als Dienstmädchen in einer Hundehütte schlafen musste, von der Mutter, die unter ihrer unehelichen Geburt litt, vom Großvater, der Schneider war und von seinen aufregenden Lehr- und Wanderjahren erzählte. Da die Mutter schwer depressiv war, lernte Anne Dorn mit ihren Geschwistern, sich schon als kleines Mädchen selber zu versorgen, wenn plötzlich kein Feuer gemacht, kein Nachttopf rausgebracht wurde, es keine saubere Wäsche für die Schule oder kein Frühstück gab, weil die Mutter im Bett blieb oder in die Klinik verschwand - Anne Dorn über ihre Kindheit im Vorkriegs-Dresden und ihre Lehrjahre im Krieg.


Lebenslauf


  • geboren am 26. November 1925 in Wachau bei Dresden

  • kehrte nach ihrem Pflichtjahr als Mädchen 1945 aus Österreich nicht nach Dresden zurück, sondern ging zu einem Onkel nach Herford

  • arbeitete als Bühnen- und Kostümbildnerin

  • lebte mit ihrem zweiten Mann, einem Schauspieler in den 50er Jahren in Kleve

  • 1967 Veröffentlichung ihrer ersten Erzählung "Die Familie" bei Kiepenheuer & Witsch

  • lebt heute in Köln



Anne Dorn im Gespräch mit Dorothea Körner, Berliner Lesezeichen, Heft 10/11 - 1994

Ich habe meine Möglichkeiten, als Autorin Einblick in gesellschaftliche Zusammenhänge zu gewinnen, immer genutzt. Als freie Schriftstellerin war ich dem Gastarbeiter im Kölner Gaswerk, der über mir wohnte, existentiell wesentlich näher als mancher Schriftsteller in der DDR den "Arbeitern und Bauern". die in der DDR postulierte Nähe von Künstlern und werktätiger Bevölkerung war doch eher eine Entfernung durch gezielte Privilegierung. Wenn die DDR-Autoren heute zu mir kommen und klagen, sie hätten ihre Position verloren, dann kann ich nur sagen: "Hättet ihr sie doch nie gehabt, es würde euch heute besser gehen."

Eine Institution der DDR wie das "Johannes-R.-Becher-Institut", in dem Autoren ausgebildet wurden, scheint mir übrigens absurd. Ob ich ein guter Schriftsteller werde, entscheidet sich doch allein darin, ob meine Seele befähigt ist, Enthüllungen vorzunehmen, an die Wahrheit heranzukommen, die für mich zählt; es entscheidet sich darin, ob ich mir einen ganz individuellen Blick leisten kann. Manchmal denke ich, wenn dazu noch ein ökonomischer Druck kommt, wenn ich mich entscheiden muss, ob ich mich von der äußeren Existenz her in eine scheinbar ausweglose Situation begeben will, dann zeigt sich, ob ich wirklich fähig bin, diesen Beruf auszuüben. Eine solche Entscheidung ist den Autoren in den DDR wenig abgefordert worden.

Für mich gab es keine Alternative. Ich habe meine Werte anders gesetzt als im "bürgerlichen" Leben üblich. Das war manchmal hart - aber ich habe Solidarität erfahren, von ganz einfachen Leuten, von Kollegen, auch von ungewöhnlichen Menschen, mit denen ich bis heute befreundet bin. Ich habe dabei einen Teil des Gefühls der Verlassenheit verloren.

 

 

Autor/in:

Ulla Lessmann

Redaktion:

Mark vom Hofe

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