Fukushima Tagebuch
Japan im Jahr 1 nach Fukushima
Tagebuch einer Japan-Reise: War da was...?
Fukushima und die Folgen
Fast ein Jahr liegt die Nuklearkatastrophe von Fukushima zurück. Am 11. März 2011 kam es zum Erdbeben - und ganz Japan stand unter Schock. Nach der dreifachen Kernschmelze im Kernkraftwerk Fukushima war die Angst vor einer radioaktiven Verseuchung groß. Es gab sogar Pläne, die Millionen-Metropole Tokio zu evakuieren.

- Jürgen Döschner
Und jetzt - ein Jahr danach? "Kernschmelze - Fukushima und die Folgen" lautet der Titel eines Radio-Features (Dok 5, 11.03.2012, 11:05 Uhr), für das Jürgen Döschner, Redakteur und Reporter in der WDR-Wirtschaftsredaktion, in Japan Informationen, Eindrücke und Stimmen sammelte. Für wdr5.de berichtete er in seinem Tagebuch und einer Bildergalerie von seiner Reise.
Jürgen Döschner ist seit 1984 für den WDR-Hör-
funk tätig. 1992 wurde er Redakteur und Reporter in der Wirtschaftsredaktion (Radio). Von 1997 bis 2002 war er Korrespondent und Leiter des ARD-Hörfunkstudios in Moskau.
30.01.2012: Tokio - Erschreckend normal

- Alles "normal" in Japans Hauptstadt - irgendwie erschreckend
Ankunft mit Überraschung
Bin ich wirklich elf Flugstunden von Deutschland entfernt? Ist das wirklich Japan, jenes Land, das vor knapp einem Jahr so nah am Abgrund stand?
Bei meiner Ankunft in Tokio bin ich doppelt überrascht. Das Ausmaß an Normalität, das sich mir hier in der Hauptstadt bietet, ist nahezu erschreckend.
Zum Teil ist das gewiss meiner Unbedarftheit geschuldet. Ich bin zum ersten Mal in Japan. Kenne das Land nur aus Filmen und Bildern. Beim ersten Gang durch das Zentrum fällt mir auf: Tokio ist in vielem so wie andere Metropolen. Mc Donalds, H&M, Starbucks, Zara – ja selbst das Wetter hier gleicht dem in Köln, als ich dort am Samstag abgereist bin: Sonnig und kalt ist es.
Doch für mich viel wichtiger: der Grad der "Normalität" im Umgang mit der Reaktor-Katastrophe in Fukushima. Schließlich ist dies eine Reise, auf der ich Informationen, Eindrücke und Stimmen für das Radio-Feature "Kernschmelze – Fukushima und die Folgen" (Sendedatum: 11.03.2012, 11:05 Uhr, WDR 5) sammeln will. Nicht einmal ein Jahr ist es her, als das ganze Land nach dem Erdbeben vom 11. März unter Schock stand, als sich auch in Tokio nach der dreifachen Kernschmelze in Fukushima die Angst vor einer radioaktiven Verseuchung breit machte, als in Hinterzimmern Pläne entworfen wurden, die Millionen-Metropole zu evakuieren.
Die demonstrative Normalität ist ansteckend
Und heute? Am Sonntag demonstrierte ein kleines Grüppchen am Yoyogi-Bahnhof gegen Atomkraft. Doch die meisten Menschen gingen vorbei – auf dem Weg in den Yoyogi-Park und zum Meiji-Jingu-Schrein, darunter – wieder – viele Touristen. Niemand läuft hier mit einem Geigerzähler in der Hand durch die Stadt. Die Ladenregale sind gut gefüllt, die Hinweisschilder auf aktuelle Cäsium-Werte sucht man vergebens, auch in den Restaurants Hochbetrieb – und niemand fragt, woher das Fleisch, das Gemüse, die Früchte kommen. In Tokio gibt es inzwischen nicht einmal mehr Stromausfälle. Und das, obwohl von den landesweit 54 Atomkraftwerken derzeit nur ganze drei noch am Netz sind! Japan hat in einem Jahr praktisch ein Komplett-Moratorium bei der Atomkraft vollzogen – und keiner merkt es.
Diese demonstrative Normalität ist wahrscheinlich gesund – und ansteckend.
Doch dann höre ich, was mein Producer mir erzählt: Am Samstag habe es wieder ein Beben in der Stadt gegeben. Nicht stark, aber die Zahl der Beben habe sich in letzter Zeit gehäuft. Und dann erinnere ich mich an die Warnung japanischer Wissenschaftler, wonach in den kommenden drei Jahren mit einer Wahrscheinlichkeit von 75 Prozent ein sehr starkes Beben in der Region Tokio zu erwarten sei. Und ich erinnere mich an die Aussagen verschiedener Experten, die meinten, dass die größte Gefahr für Fukushima in schweren Nachbeben bestehe.
Heute Abend habe ich noch eine Verabredung mit Masashi Goto, ein in Japan sehr anerkannter Kritiker der Atomkraft – und lange Zeit selbst Ingenieur beim AKW-Hersteller Toshiba. Er wird sicher seine eigene Sicht der "Normalität" haben. Und er wird mich wohl einstimmen auf das, was mich ab morgen erwartet, wenn ich mich aufmache in jene Region, in der der Tsunami am heftigsten gewütet hat und in der die Menschen tagtäglich mit dem Unglücksreaktor, mit der Angst und der Radioaktivität leben müssen.
31.01.2012: Auf dem Weg nach Fukushima

- Auf nach Norden - auf nach Fukushima
Der Tag beginnt sonnig in Tokio. Aber die Aussichten sind nicht besonders gut: Frost bis minus 10 Grad und Schnee lautet die Vorhersage für die Region Fukushima! Die "Japan Times" meldet, dass wegen der Kälte im AKW Fukushima seit Sonntag insgesamt 16 Rohre geplatzt sind, die das Brennelemente-Becken in Block 4 mit Kühlwasser versorgen. Radioaktiv belastetes Wasser sei ausgelaufen, vermutlich im Boden versickert. Die Kühlung musste für zwei Stunden unterbrochen werden. Aber es bestehe keine akute Gefahr, sagt die Betreiberfirma TEPCO.
"Erschreckend normal" - das war gestern
Kurz vor unserer Abfahrt Richtung Fukushima weicht allmählich das Gefühl der Normalität, mit dem mich Tokio angesteckt hat. Tak, mein japanischer Producer, erklärt mir unsere Route. Das Ziel ist Minamisoma. Die Stadt liegt etwa 25 Kilometer nördlich des Atomkraftwerks, knapp außerhalb der 20-km-Sperrzone - aber innerhalb der 30-km-Zone, in der den Menschen empfohlen wurde, ihre Heimat zu verlassen.
Der direkte Weg dorthin führt entlang der Küste und würde mit dem Auto etwa drei bis vier Stunden dauern. Doch die Autobahn verläuft mitten durch die Sperrzone. Unser Umweg nach Minamisoma ist etwa doppelt so lang. Immerhin: Um z.B. Angehörigen die Fahrt zu erleichtern, verzichtet die Regierung seit einigen Monaten auf den Strecken nach Norden auf die sonst üppigen Autobahngebühren.
Die radioaktive Strahlung nimmt zu
Gegen Mittag haben wir etwa die Hälfte geschafft. Es beginnt zu schneien! Wir machen Halt in Nihonmatsu. Ein kleiner, unscheinbarer Ort, rund 100 Kilometer vom AKW Fukushima 1 entfernt. Und trotzdem messen wir am Bahnhof der Stadt 0,54 Mikrosievert pro Stunde
(= 4,7 Millisievert / Jahr!). Einige hundert der rund 100.000 Atom-
flüchtlinge aus der Region um das AKW hat es hierher verschlagen. Doch für manche nahm der Schrecken hier kein Ende: Sie wurden ausgerechnet in einem Haus untergebracht, dessen Fundament mit Sand und Kies aus der unmittelbaren Umgebung des havarierten AKW gebaut wurde! Wir messen im Erdgeschoss 1 Mikrosievert / h
(= 8,8 mSV / Jahr)!
Es gibt eine natürliche radioaktive Strahlung. Sie kommt aus dem Kosmos, aus der Luft, dem Boden und dem Wasser. Sie belastet uns in Deutschland im Jahr mit durchschnittlich 2,1 Millisievert (mSv/a). Die maximale zusätzliche Belastung für Anwohner in der Nähe eines Kernkraftwerks darf in Deutschland 1 mSv/a nicht überschreiten. Für die Arbeiter im Kernkraftwerk liegt der Grenzwert höher – bei 20 mSv/a.
(Quelle: Quarks & Co)
Auf dem Schild des Maklers draußen steht: „Alles vermietet – Danke!“. Doch die meisten Wohnungen sind verlassen. Im ersten Stock treffen wir Emi (40), die mit ihrer Mutter und ihren beiden Töchtern aus der Sperrzone hierher geflohen ist. Niemand habe sie über die Strahlengefahr informiert, sagt Emi. Erst als vor einigen Tagen das erste Fernseh-Team klingelte, hörten sie von dem verstrahlten Beton. Besondere Ironie: Der darin verbaute Kies stammt genau aus jenem Ort, aus dem Emi und ihre Familie am 12. März 2011 geflohen sind. Natürlich habe sie Angst um ihre Kinder, aber ihr fehlt die Kraft – und auch das Geld, um noch einmal umzuziehen. Die kleinen Fahrräder vor der Tür verraten, dass noch mehr Familien mit kleinen Kindern in dem verstrahlten Haus leben. Eine offizielle Warnung oder Aufforderung zur Evakuierung hat es bis heute nicht gegeben, erzählt Emi.
Niedergeschlagen machen wir uns auf den Weg zu unserem nächsten Ziel: Minamisoma. Eine Stadt, die von der Katastrophe am 11. März doppelt betroffen ist. Zahlreiche Häuser, ganze Stadtviertel wurden vom Tsunami zerstört, und dann kam die radioaktive Wolke. Schon auf dem Weg dorthin fällt auf, wie wenig Autos auf den Straßen sind und wie viele verlassene Häuser es gibt. Tokio ist so weit weg.
01.02.2012: Minamisoma - Die Alten sind geblieben

- Mit dem Wasserstrahl gegen die Strahlung vorgehen
Dekontaminationsteams im Einsatz
Minamisoma ist keine tote Stadt. Immerhin wohnen hier noch rund 40.000 Menschen. Aber es sind fast nur die Alten, die geblieben sind. Man sieht es an den geschlossenen Schulen, den leeren Straßen am Abend. Und auffallend ist auch, dass die einzige Mc Donalds-Filiale der Stadt dunkel bleibt – es fehlt die junge Kundschaft. Es war auch für uns nicht ganz einfach, gestern abend um 21 Uhr noch ein geöffnetes Restaurant zu finden. Aber es glückte uns dann doch, und schließlich fiel ich so müde ins "Bett", dass mir der harte Futon und das mit Kernen oder Steinchen gefüllte Kopfkissen kaum auffallen. Am Morgen holen wir uns an der Rezeption die neuesten Mund-zu-Mund-Nachrichten ab und erfahren, wo gerade Dekontaminationsteams im Einsatz sind, um Häuser und Gärten von radioaktiven Substanzen zu reinigen. Offiziell will niemand darüber reden – die Stadtverwaltung versucht eher den Eindruck zu vermitteln, ein knappes Jahr nach dem AKW-Unfall seien die Folgen zumindest in Minamisoma beseitigt.
Bäume mit Wasser reinigen, Erde abtragen
Wir fahren nur ein paar Kilometer Richtung Süden und sehen: die Realität sieht anders aus. Ausgerüstet mit Spaten, Besen, Hochdruckreinigern, und Kleinbaggern sind gleich zwei Teams verschiedener Firmen in dieser Straße angerückt. Auf das Dach, die Wände, ja selbst die Obstbäume im Garten trifft der harte Wasserstrahl. Die aktuelle Strahlung vor dem Haus: Fast 15 mSV/Jahr! (der zulässige Grenzwert liegt bei 1 mSV/a). Die Bewohner haben das Haus für die Zeit der Arbeiten verlassen.
Zwei Häuser weiter hat eine Gruppe von Arbeitern den Boden im Vorgarten mehrere Zentimeter tief abgegraben und in Säcke gefüllt. Die kontaminierte Erde darin strahlt mit fast 24 mSV/a! Die Säcke kommen auf eine provisorische Deponie innerhalb der Sperrzone, sagt der Vorarbeiter. Das Haus liegt nur 400 Meter von der Grenze zur 20-km-Zone entfernt. Der Effekt der ganzen Arbeit ist nicht sehr groß, meint selbst der Vorarbeiter. Die Strahlung verschwindet nicht ganz, und nach ein paar Tagen mit Wind oder Regen ist sie wohl wieder genauso hoch wie vorher.
Die Zahl der Selbstmorde in der Region steigt
Naka Kamata beobachtet die Arbeiten vom Fenster aus. Die alte Frau versucht die Haltung zu bewahren. Elf Personen haben vor dem 11. März 2011 hier gewohnt, ihre ganze Familie, samt Enkeln und Urenkeln. Nun sind sie alle weg, geflohen vor der Strahlung. Sie sei zuerst auch im Evakuierungslager gewesen, doch sie wollte Hund und Katze nicht allein lassen. Nun lebt sie einsam in diesem großen Haus. Viele Menschen teilen dieses Schicksal. Und immer mehr haben nicht die Kraft, so zu leben. Die Zahl der Selbstmorde in der Region rund um das AKW Fukushima ist dramatisch angestiegen, erzählt uns der buddhistische Mönch Taikan Hoshimi. So habe er z.B. eine 94-jährige Frau beigesetzt. Vor dem dritten erzwungenen Wohnungswechsel hatte sie sich das Leben genommen. In einem Abschiedsbrief erklärte sie, sie wolle nur noch einmal umziehen – und zwar in ihr Grab. Es sei nicht allein die Radioaktivität, die die Menschen krank mache und von innen zerstöre, sagt der Mönch. Es sei auch die Einsamkeit, die Trennung von ihrer Familie, der Zorn über die Behörden, die sie im Stich lassen. Taikan Hoshimi lädt uns zu einer buddhistischen Zeremonie in den Tempel ein. Er betet für die Opfer des Erdbebens und des Tsunamis, für die Opfer der Reaktorkatastrophe – und dafür, dass alle Atomkraftwerke auf der Welt so bald wie möglich abgeschaltet werden.
02.02.2012: Seinen Frieden machen mit der Radioaktivität

- Eine 84-Jährige fragt besorgt: Strahlt Schnee stärker?
Kein guter Tag... Südwestwind
Kalt und stürmisch war es in der letzten Nacht. Ich habe gedacht, das aus leichten Wänden gebaute Hotel könnte einstürzen – oder hab’ ich es nur geträumt? Heute morgen jedenfalls weht der Wind immer noch heftig – aus Südwest, also aus Richtung AKW Fukushima.
Kein guter Tag, sagt Bansho Miura, mit dem wir am Morgen verabredet sind. Bei Südwestwind steigt in der Regel die Radioaktivität, da sollte man sich nicht lange draußen aufhalten. Aber genau das hat er heute vor. Bansho ist Gründer und Leiter des HCR (Heart Care Rescue), einer Nichtregierungsorganisation, die sich um die Folgen der Reaktorkatastrophe vom vergangenen Jahr kümmert. Er versorgte in den ersten Tagen Flüchtlinge mit dem Nötigsten, betreut vereinsamte, alte Menschen und misst immer wieder die radioaktive Belastung in Minamisoma und Umgebung.
Wir begleiten ihn heute zu einer Grundschule im Süden der Stadt. Sie war nach dem Reaktorunfall wegen zu hoher Strahlung geschlossen worden. Nun will die Stadt die Schule ab Ende Februar wieder öffnen. Alles sei dekontaminiert worden, sagt der Bürgermeister. Doch Bansho zweifelt.
Auf dem Schulweg schlägt der Geigerzähler Alarm
Er nimmt uns mit zu Messungen, die er entlang des Schulweges machen will. Und es dauert nicht lange, bis die beiden Geigerzähler Alarm schlagen. Bis zu 6 MikroSV/Stunde misst Bansho am Straßenrand – das sind rund 53 mSV/Jahr, also mehr als das 50fache des zulässigen Grenzwertes. „Verbrecher“ nennt Bansho die Verantwortlichen der Stadtverwaltung. Die Schule dürfe auf keinen Fall wieder geöffnet werden! Im Gegenteil: die ganze Stadt müsste eigentlich evakuiert werden. Doch die Politiker spielten die Gefahr herunter, spiegelten ein Jahr nach der Katastrophe Normalität vor. Und die meisten Bürger glauben es - weil sie es glauben wollen. Denn wer die Stadt bis jetzt nicht verlassen hat, das ist mein Eindruck, der wird wohl auch in Zukunft hier bleiben (müssen), und der muss offenbar innerlich seinen Frieden machen mit der Radioaktivität.
"Strahlt Schnee stärker als der Rest?"
Mit dieser wenig hoffnungsvollen Erkenntnis setzen wir unsere Reise fort. Das nächste Ziel ist die kleine Stadt Iitate. Sie war, obwohl rund 30 km vom AKW Fukushima entfernt, von der radioaktiven Wolke bereits in den ersten Tagen der Katastrophe getroffen worden. Doch lange wurde dies von den Behörden ignoriert. Erst im Mai 2011 wurde die Stadt evakuiert – nach Messungen von Greenpeace!
Schon auf unserer Fahrt dorthin messen wir 6 MikroSV/Stunde, also über 53 mSV/Jahr. Unser erster Eindruck, als wir in den Ort kommen: Iitate ist eine Geisterstadt. Die örtliche Schule steht leer. Sämtliche Geschäfte geschlossen, die meisten Häuser verlassen. Doch Iitate ist kein Sperrgebiet, wer will kann hierher kommen. Der Bürgermeister habe die Menschen, die geflohen sind, kürzlich sogar offiziell aufgefordert, wieder in ihre Häuser zurück zu kehren, erzählt uns eine alte Frau. Die 84-Jährige ist im Mai letzten Jahres mit ihren Angehörigen nach Fukushima-City geflohen. Nur einmal die Woche kommt sie hierher, um nach der Katze und dem Hund zu sehen, erzählt sie uns - und, wie heute, um den Schnee aus der Einfahrt zu schaufeln. Ob denn der Schnee stärker strahlt, als der Rest, möchte sie von uns wissen. Ich halte den Dosimeter an den Schnee. – Nein, nicht stärker – aber auch nicht schwächer, nämlich 1,3 MikroSV/h (=11,4 mSV/Jahr)...
Yuushis Song "Wiedergeburt"
Von dem verstrahlten und größtenteils evakuierten Iitate aus haben wir uns auf den Weg nach Iwaki gemacht. Die Stadt liegt rund
40 Kilometer südlich von dem Atomkraftwerk. Wir müssen also die Sperrzone einmal von Norden aus rundherum umfahren. Was uns dort erwartet, wissen wir nicht. Tak, mein Begleiter, war selbst noch nie in Iwaki. Was er weiß, weiß er – wie ich – aus den Medien: Iwaki liegt im Süden der Provinz Fukushima, war deshalb sowohl vom Tsunami als auch vom radioaktiven Fallout aus dem AKW Fukushima nicht so sehr betroffen wie etwa Minamisoma. Mit rund 350.000 Einwohnern war Iwaki auch immer wesentlich größer. Aber viele Menschen, so haben wir gelesen, sollen auch von hier aus Angst vor der Radioaktivität weggezogen sein.
Als wir am frühen Abend ankommen, bietet sich uns ein Bild, das wir so nicht erwartet hatten: Die Straßen belebt, überall Leuchtreklame, kleine und große Restaurants, Supermärkte, Hotels – keine Spur von Ausnahmezustand oder Depression. Iwaki brummt. Vieles erinnert mich an Tokio – nur etwas kleiner. Bei einer Stadt dieser Größe fällt es offensichtlich nicht so sehr auf, wenn ein paar tausend die Stadt seit dem 11. März 2011 verlassen haben. Zumal gleichzeitig viele Arbeiter aus dem AKW Fukushima hier ihr wohnen.
Mit einem von ihnen haben wir uns für diesen Abend verabredet. Yuushi Saito (28) ist tagsüber zuständig für die Dekontamination der LKW, die aus dem AKW zurück ins "J-Village" kommen, dem Arbeitsplatz von Yuushi. Das J-Village ist das ehemalige Fußball-Trainingslager, das inzwischen als AKW-Basislager weltberühmt geworden ist. Abends jedoch pflegt Yuushi sein Hobby: Er ist Liedermacher. Er singt und spielt Gitarre, schreibt und komponiert selbst und präsentiert seine Stücke hin und wieder in kleinen Clubs in Iwaki. Im "Jampa", einem unscheinbaren Laden, in den kaum mehr als zehn Personen passen, spielt er – exklusiv für WDR 5 – seinen Song "Wiedergeburt".
Das Lied handelt von seiner Heimat, dem kleinen Ort Oragahama (zu Deutsch: "Mein Strand"), nur wenige Kilometer vom Atomkraftwerk Fukushima 1 entfernt. Es ist keine Anklage, sagt er. Auch kein Trauerlied. "Wiedergeburt" soll vielmehr Mut machen – Mut, trotz aller Probleme, trotz radioaktiver Gefahr und trotz verlorener Heimat in die Zukunft zu schauen. Und Yuushi fügt hinzu: Eine Zukunft ohne Atomkraft!
Der Abend wird lang und fröhlich. Der singende AKW-Arbeiter hat sein Ziel bei uns und den anderen Besuchern des "Jampa" erreicht. Den Rest hat der Sake geschafft…
03.02.2012: J-Village - mein letztes Ziel

- Nur im Schutzanzug ins AKW Fukushima
3. Februar: Das AKW-Basislager "J-Village"
Von Iwaki aus ist es nicht weit bis zum J-Village. Auf der Fahrt dorthin fahren wir am Strand entlang. Das Meer ist relativ ruhig. Wir wollen wissen, ob Iwaki wirklich so wenig radioaktive Strahlung abbekommen hat und messen. Am Straßenrand (in Bodennähe) immerhin 1,5 MikoSV/Stunde – also 13,2 MSV/Jahr. Völlig an Iwaki vorbeigegangen ist die radioaktive Wolke demnach wohl nicht.
Auf der Landstraße 6 ist nach wenigen Kilometern Endstation. An einer Straßenkreuzung stehen in alle drei Richtungen Sperren. Zahlreiche Polizisten sichern die Kreuzung, als sei hier eine wichtige Staatsgrenze. Nur wer eine Genehmigung von AKW-Betreiber TEPCO hat, darf hinein in die Zone oder hinaus.
Dasselbe gilt für das J-Village. Auf Umwegen gelangen wir dennoch auf das Gelände. Sehen hektische Aktivitäten an allen Ecken und Enden, Fahrzeuge, die be- und entladen werden, zahlreiche Arbeiter, die Pause machen oder ihren Feierabend hier, knapp außerhalb der eigentlichen Sperrzone, verbringen. Uns gelingt es, mit einigen von ihnen zu sprechen. Sie berichten über geplatzte Rohrleitungen und andere Pannen, über mehr als 2.000 Arbeiter, die immer noch auf dem Gelände des AKW alle Hände voll zu tun haben, und über ihren Dosimeter, der ihnen anzeigt, wann ihr Job zu Ende ist – nämlich dann, wenn 25 Millisievert erreicht sind.
"Bitte verlassen Sie das Gelände!"
Doch das Gespräch wird schon bald und abrupt beendet. Ein Mann in TEPCO-Uniform bittet uns höflich aber bestimmt, das Gelände zu verlassen. Nicht nur das Kraftwerk, auch all jene, die dort arbeiten, werden nach wie vor möglichst abgeschottet.
Für uns geht es nun zurück nach Tokio – zurück in jene Normalität, die TEPCO gern dem ganzen Land und der ganzen Welt verordnen würden. Doch diese Woche hat uns gezeigt: Die Katastrophe von Fukushima hat das Leben vieler tausend Menschen verändert, ihnen Heimat und Sicherheit genommen. Dieses Unglück hat das Vertrauen der Menschen in Japan in Technik, Politik und Unternehmen erschüttert – mehr, als wir es uns in Deutschland vorgestellt haben.
Fukushima und die Folgen: Eindrücke einer Reise [WDR 5]
"Generation Fukushima" [Neugier genügt]
Medien-Gau Fukushima [Morgenecho, 11.06.2011]
Wie hat Fukushima uns verändert [Tagesgespräch, 23.05.2011]
Dossier: Dreifache Katastrophe in Japan [tagesschau]






