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Frau greift in Bücherregal; Rechte: dpa
Sendung vom 04.02.2012, 20:05 bis 21:00 Uhr
Rechte: Suhrkamp-Verlag

 die Welt und Menschen verstehen

"Das fünfte Buch" von Alexander Kluge

Buch der Woche

Es muss ein außergewöhnliches Lebensgefühl sein, wenn man - wie Alexander Kluge - im Alter von 80 Jahren in der Lage ist, ein Meisterwerk zu verfassen. Dazu kommt, dass das Meisterwerk, nämlich Kluges "Das fünfte Buch. Neue Lebensläufe", erschienen im Suhrkamp-Verlag, keine isolierte Einzelleistung ist, sondern Teil eines Lebenswerks, das nicht zuletzt - bei aller Vielfalt der Motive - durch  ein  Bemühen zusammengehalten wird: durch das Bemühen, die Welt und die Menschen angemessen zu verstehen. Diese Angemessenheit (an den Geschichtsverlauf und an die einzelnen Lebensläufe) kommt nicht ohne Veränderungen der eingebürgerten literarischen Schreibweisen aus: Kluge arbeitet mit ganz eigenen Fragmenten und Montagen, die einen ständigen Blickwechsel ermöglichen. Kluges Arbeitsweise dient dabei nicht der Zerstreuung, sondern paradoxerweise der Konzentration auf die entscheidende Frage, wie angesichts der Gefahren und Chancen zu leben sei.

Alexander Kluge: Das fünfte Buch. Neue Lebensläufe
Suhrkamp Verlag, 39,90 Euro

 

Autor: Franz Schuh

Rechte: Verlag Suhrkamp

 am 1. Februar verstorben

"Den Freunden" von Wisława Szymborska

Aktuelle Lyrik - Ein Gedicht

Die 1923 in PoznaÅ„ geborene WisÅ‚awa Szymborska hat einmal gesagt, ihr Leben habe zwei Teile gehabt: einmal den Teil „vor der Nobel-Tragödie“ und den Teil „nach der Nobel-Tragödie“. So zuwider war ihr der öffentliche Rummel um die eigene Person, nachdem sie 1996 den Literatur Nobelpreis erhalten hatte. Zurückgezogen lebend hat die einzigartige polnische Dichterin zeitlebens rund 350 Gedichte in 11 Bänden verfasst, die alle möglichen Aspekte der alltäglichen menschlichen Existenz zum Thema haben, oft mit feinem ironischen Unterton ausgestattet und dazu verständlich in der Rezeption sind, wozu nicht unerheblich der kongeniale deutsch- polnische Übersetzer Karl Dedecius beigetragen hat.
Wisława Szymborska, die in Deutschland 1991 mit dem Goethepreis und 1995 mit dem Herder Preis ausgezeichnet wurde, ist am 1. Februar 2012, 88jährig in Krakau gestorben.

Wisława Szymborska:Auf Wiedersehen. Bis morgen
Gedichte ausgewählt und aus dem Polnischen übertragen von Karl Dedecius
Suhrkamp Taschenbuch, 5,99 Euro

Wisława Szymborska: Die Gedichte
Herausgegeben und aus dem Polnischen übertragen von Karl Dedecius
Brigitte-Edition, 10,00 Euro

 

Autor: Matthias Ehlers

Rechte: Residenzverlag

 packendes Psychodrama

"Madame Strindberg" von Friedrich Buchmayr

Lesefrüchte

Der österreichische Autor Friedrich Buchmayr hat die erste deutschsprachige Biografie über Frida Strindberg geschrieben. Ihre Ehe mit August Strindberg wird für beide eine emotionale Achterbahnfahrt. Sie verklärt den großen Dichter, er verfolgt und zerstört sie mit Eifersuchtsattacken. Auch nach ihm verstrickt sie sich immer wieder in Beziehungen, darunter Frank Wedekind und andere bekannte Zeitgenossen, die masochistische Züge tragen und allesamt scheitern. Daneben ist Madame Frida Strindberg erfolgreiche Journalistin, Übersetzerin, Romanautorin und Gründerin des ersten Londoner Kabaretts. Dem Strindberg-Kenner Buchmayr ist ein packendes, literarisches Psychodrama gelungen.

Friedrich Buchmayr: Madame Strindberg oder die Faszination der Boheme Residenzverlag, 26,90 Euro

 

Autorin: Annette Morczinek

Rechte: Verlag Schöffling

 kulturelle Quantensprünge

"Der größere Teil der Welt" von Jennifer Egan

Lesefrüchte

Sasha leidet unter Kleptomanie, Bennie ist als New Yorker Musikproduzent so gut wie am Ende, und sein alter Kumpel Scotty, mit dem er einst in einer Punkband spielte, ist total heruntergekommen, fast schon ein Penner. Die drei stehen im Mittelpunkt einer Geschichte, die scheinbar gar keinen Mittelpunkt hat, denn es tauchen zahlreiche andere Figuren auf, drängen in den Vordergrund, verschwinden wieder, und der Leser muss schon gut aufpassen, um die zahlreichen Beziehungsfäden und versprengten biographischen Puzzlestücke im Blick zu behalten. Am Ende aber fügen sie sich zu einem großen Ganzen.
Jennifer Egans Roman ist formal anspruchsvoll, aber nicht verkopft, im Gegenteil. Mit warmherziger Neugier spüre sie den kulturellen Quantensprüngen unserer Zeit nach, beschied das Pulitzer-Komitee und verlieh ihr 2011 für "Der größere Teil der Welt" seinen Preis.

Jennifer Egan: Der größere Teil der Welt
Aus dem Englischen übersetzt von Heide Zeltmann
Verlag Schöffling & Co., 22,95 Euro

 

Autor: Ferdinand Quante

Rechte: Bilger Verlag

 fulminantes Debüt

Ursula Timea Rossel mit "Man nehme Silber und ..."

Autorin im Gespräch

Die junge Schweizer Autorin Ursula Timea Rossel hat mit ihrem Debüt "Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz" ein Feuerwerk an Phantasie und fulminanten Geschichten vorgelegt. Es geht um den eigenwilligen Kartographen Wigand Behaim und Sibylle Blauwelsch, die viermal ihre Gestalt wandelt, bevor sie Wigand begegnet. Auch die heilige Ursula und ihre elftausend Jungfrauen spielen eine Rolle im Buch, sowie Schrödingers Katze, ein Raumzeitkompass, Kamelzucht, Atlantis, ein Schneelöwe im Himalaya und viel krypto(geo)graphisches Wissen der Erzählerin Timea. Ein Quantenroman? Man darf gespannt sein, wie viele Geheimnisse die studierte Nutztierwissenschaftlerin in ihrem Illusionszauber lüftet.

Ursula Timea Rossel: Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz
Bilger Verlag, 28 Euro

 

Autorin: Bettina Hesse

Rechte: Kunstmann Verlag

 zeitlos

Der Schauspieler Andreas Laurenz Maier empfiehlt "Die Kunst stillzusitzen" von Tim Parks

Auf meinem Nachttisch

"Ein sehr ungewöhnlicher Roman. Ein Buch, das mich sehr beeindruckt hat, weil es sehr persönlich ist, ehrlich, schonungslos. Und gleichzeitig eine gesunde Portion Humor verbreitet. Es ist zeitlos und alterslos, weil es im Grunde eine Reise beschreibt, von einem Menschen, der immer glaubte, er müsse funktionieren, und der einfach lernt innezuhalten." (Andreas Laurenz Maier, Schauspieler)

Tim Parks: Die Kunst stillzusitzen. Ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung
Verlag Antje Kunstmann, 24,90 Euro

 

Autorin: Renate Naber

Rechte: Hörbuch Hamburg

 Brutalität und Zartheit

"Herkunft" von Oskar Roehler

Hörbuch der Woche

Oskar Roehlers Familiengeschichte spiegelt die Kulturgeschichte der BRD. Die Eltern, Klaus und Gisela Elsner gehörten zur jungen Schriftsteller-Generation der 60er Jahre, kämpften gegen die muffige Nachkriegsgesellschaft, vor allem aber gegen einander. Der 1959 geborene Sohn Oskar erlebt Armut, Alkoholismus und Erniedrigung. Als Erzähler findet Roehler dazu eine Haltung, die Nähe und Distanz, Brutalität und Zartheit, sogar Komik und Leichtigkeit ermöglicht. Seine Geschichte führt bis in die 1980er Jahre vom ländlichen Internat in die Punk- und Drogenszene Berlins nach Darmstadt, wo der Vater sich als Kulturschaffender inszeniert, und Schwabing, wo die Mutter bis zu ihrem Selbstmord 1992 lebte.
Es ist ein seltenes Glück, dass Herbert Knaup dieses Hörbuch aufgenommen hat. Knaup taucht in diese Autobiographie ein und es gelingt ihm, die quälende Selbstironie und tiefe Einfühlung in Roehlers Text hörbar zu machen. Ein packendes Hörbuch, das lange im Ohr bleibt.

Oskar Roehler: Herkunft
Gekürzte Lesung von Herbert Knaup
Hörbuch Hamburg, Euro 19,99

 

Autor: Christian Kosfeld

 Plattenspieler

Musiktitel der Sendung

1. Chucho Valdés : "La sombre"
2.
Marianne Dissard: "Les draps sourds"
3. The City of
Prague Philharmonic Orchestra: "The game"
    (aus dem Film: "Oliver Twist")
4. Muriel Zoe: "Stop"
5. Pascal Parisot: "Wonderful"
6. Chris Joss: "Wolly waltz"

 

Musikauswahl: Markus Kunz

 

 

Redaktion:

Ruth Dickhoven

Gutenbergs Welt [WDR 3] 
Sonntags um 12.05 Uhr 

druckfrisch – Neue Bücher mit Denis Scheck [Das Erste] 
An einem Sonntag im Monat, 23.35 Uhr

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