WDR 5 Blog USA Wahlen Anna Osius

Ein Papp-Schild mit der Aufschrift "We heart", Rechte: dapd/Carolyn Kaster
WDR 5 -Redakteurin Anna Osius berichtet u.a. aus Ohio

Annas Amerika - Tagebuch einer USA-Reise

Die USA und die Präsidentschaftswahl

Jetzt ist alles vorbei: In Ohio werden die letzten Wahlkampfplakate aus den Vorgärten entfernt. Präsident ist wieder Barack Obama. 


Anna Osius; Rechte: WDR/ Osius
Anna Osius

Was bewegt die Menschen in den Großstädten und auf dem Land? Wie sehr dominiert die derzeitige Wirtschaftskrise den Wahlkampf? Und vor allem: Wie ist die Lage in den sogenannten Swingstates, also den Staaten der USA, in denen das Ergebnis bis zur Wahl offen ist? Anna Osius, als Politik-Redakteurin und Reporterin zuständig für die Planung der WDR 5 Sendungen Morgenecho, Mittagsecho und Echo des Tages, ist vor der Wahl in den USA unterwegs: In der Hauptstadt Washington D.C., im Swingstate Ohio und in New York. Auf der Internetseite von WDR 5 berichtet sie sehr persönlich über ihre Eindrücke aus Amerika.


8. November: Ein Land im Wahl-Kater

Der Tag danach – ein Land hat Wahl-Kater. Der alte Präsident ist der neue. Die letzten Demokraten johlen morgens noch fröhlich in den Straßen – und machen sich dann schnell nach Hause, um kurz darauf mit Sonnenbrille zur Arbeit zu gehen. Der Alltag kommt zurück. Aus den Vorgärten verschwinden die Wahlplakate – vor allem die für Mitt Romney, als hätte es ihn nie gegeben. Die amerikanischen Vorortsiedlungen sehen wieder normal aus. Das Fernsehen überträgt wieder Sport statt "Breaking News".

Im Supermarkt beglückwünschen sich zwei wildfremde Afroamerikaner, dass es "unser Barack" noch mal geschafft hat. Der Busfahrer ist froh, dass der ganze Rummel vorbei ist – und die Fahrgäste nicken. "Ich kann die Republikaner sowieso nicht leiden", sagt er. Irgendwie scheint das Land heute nur noch aus Demokraten zu bestehen. Einzig der Taxifahrer, der gestern vor der Wahl noch laut für Mitt Romney geworben hatte, ist heute ein bisschen kleinlaut. "Shit happens", murmelt er und zuckt mit den Schultern.

In einem aber sind sich alle einig: Die größte Herausforderung für die amerikanische Politik steht noch bevor. "Wenn sich die Demokraten und die Republikaner nicht endlich zusammenraufen und unser Land gemeinsam nach vorne bringen, verlieren wir weitere vier Jahre", sagt einer. Die Blockadehaltung der Republikaner im Kongress dürfe auf keinen Fall so weiter gehen. "Jetzt muss es endlich wieder um die Sache gehen – und nicht um Parteien und Kandidaten!"

Die Probleme sind nach dieser Wahl-Nacht nicht kleiner, das weiß jeder hier, vor allem in den armen Vierteln Amerikas. Und das weiß auch Barack Obama. Aber ohne die Republikaner kann er gar nichts schaffen. Deswegen hat er ihnen bereits in seiner ersten Rede in der Wahl-Nacht demonstrativ die Hand gereicht. Ob sie die Aufforderung zur Zusammenarbeit annehmen – oder weitere vier Jahre sämtliche Initiativen blockieren, wird sich zeigen. "Es muss endlich wieder um unser Land gehen", sagen die Menschen. Das ist, was Amerika wirklich braucht nach dieser Wahl: Zusammenarbeit.


7. November: Nacht der Entscheidung

Bild: Eine Leuchttafel am New Yorker Times Square meldet Barack Obamas Wiederwahl; Rechte: Reuters
Nicht alle feiern den Wahlsieger

Begegnungen in einer spannenden Nacht: Die jungen Schwarzen in einem der ärmsten Viertel der Stadt, die sonst arbeitslos auf der Strassen herumlungern – und jetzt gebannt auf den Fernseher starren. "Wir sind verloren, falls Romney gewinnt", sagt einer von ihnen. "Der will unsere Förderprogramme und Sozialhilfe kürzen. Ohne Obama kommen wir nie von der Straße weg!"
Die weiße Mormonin, die stolz in einem Radiointerview verkündet, sie liebe Mitt Romney, er sei schließlich ein Glaubensbruder. Trotzdem habe sie diesmal für Obama gestimmt: "Gott hat mir gesagt: Jeder hat eine zweite Chance verdient."
Der junge sympathische Manager, der sich einfach nur Sorgen um seinen Job macht – und deshalb Mitt Romney gewählt hat. "Obama kann das mit der Wirtschaft einfach nicht", sagt er. "Sorry!"
Der dicke Weiße in der Sportsbar, der entsetzt ist, wie herunterkommen seine Stadt wirkt und hinter vorgehaltener Hand sagt: "Ich will wieder einen Weißen im Weißen Haus!"

 

Angst vorm Wohlfahrtsstaat

Der afro-amerikanische Taxifahrer, der als einziger in seinem Bekanntenkreis für Romney gestimmt hat, weil er Angst hat, dass sich die USA unter Obama zu einem Wohlfahrtsstaat entwickeln.

Und die dunkelhäutige alte Dame, die mühsamen Schrittes vom Wahllokal durch ein schäbiges Viertel nach Hause geht. Auf ihrem Rollator steht ein gerahmtes Schild mit den Worten: "Danke Gott, dass ich diesen Tag noch erleben durfte – und zum zweiten Mal einen schwarzen Präsidenten wählen durfte!" Sie ist 97 Jahre alt.
Obama hat es geschafft!


6. November: Wahltag

Wähler in Ohio, Rechte: dpa
Wähler in Ohio

Schon um sieben Uhr morgens bilden sich lange Schlangen vor den Wahllokalen: Ohio wählt. Vor Kurzem wurde die Anzahl der Wahllokale reduziert, um Kosten zu sparen – die Folgen sind von Weitem sichtbar: Bis zu zwei Stunden stehen die Menschen an, um ihre Stimme abzugeben. "Diese Entscheidung ist so wichtig für unser Land", sagt eine junge Frau in der Reihe. "Deswegen bin ich gekommen, deswegen sind so Viele gekommen."

John schaut dem Treiben vom Parkplatz aus zu. Der leicht übergewichtige Weiße mit dem XXL-Cola-Becher in der Hand hat schon vor einigen Tagen per Briefwahl abgestimmt - für Mitt Romney. "Ich bin froh, wenn das ganze Theater hier ein Ende hat", sagt er. "Dieser Wahlkampf ging einem furchtbar auf die Nerven." Sein Kumpel nickt. Mehrmals täglich habe bei ihnen zu Hause das Telefon geklingelt, weil eine Partei sie überzeugen wollte, erzählt er. "Oft war es nur eine Computerstimme – das hat genervt! Dazu der Email-Terror, die Kandidaten ständig in der Stadt, und in jedem Vorgarten die Wahlplakate – ich kann's nicht mehr sehen!"

Wahlzettel werden per Scanner ausgewertet

Auch vor den Wahllokalen stehen Parteianhänger und drücken den Ankommenden Wahlwerbung in die Hand: Wahlkampf bis zur allerletzten Minute. Nur drinnen bei den Wahlkabinen ist es endlich still. Die Wahlmethode variiert in den USA von Stadt zu Stadt. Hier im Süden Ohios malen die Bürger in kleinen Sichtschutzbereichen per Hand die Felder neben dem Kandidaten ihrer Wahl farbig. Dann stecken sie den Zettel in einen Scanner, der die ausgefüllten Felder erkennt und speichert. Ob immer alles richtig funktioniert, will ich wissen. "Das ist noch die sicherste Methode", sagt die Wahlleiterin in diesem Lokal. "Im Norden Ohios wählen sie mit Touchscreen – da gibt es mehr Probleme! Und die Maschinen mit Lochkarten, wie sie in anderen Staaten benutzt werden – das ist die unsicherste Methode." Demokratie kann in der Praxis gar nicht so einfach sein.


4. November: Obama kämpft

Präsident Obama begrüßt Fans, Rechte: Reuters/ Jason Reed
Endspurt im Wahlkampf: Präsident Obama besucht Cincinnati

Die Menschenschlange sieht man schon von Weitem. Bestimmt einen Kilometer lang, bis runter auf die Hauptstraße von Cincinnati, stehen die Menschen an, um Präsident Obama zu sehen. Um seine letzte große Rede hier im Swingstate Ohio zu hören, im "swingest swingstate" von allen, wie man hier sagt. Amerika schaut auf Ohio in diesen Tagen, in diesem Staat soll sich die Präsidentschaftswahl entscheiden.

Vor genau vier Jahren war Obama das letzte Mal hier, an der Universität von Cincinnati, im Süden Ohios, traditionelles Republikaner-Land. Er hat am letzten Sonntag vor der Wahl eine Rede gehalten, die die Menschen gepackt hat, die sie mitgerissen hat – und die ihn ins Weiße Haus gebracht hat: Das traditionelle Republikaner-Land im Süden Ohios wählte auf einmal demokratisch, der Norden tat es sowieso – Obama gewann den Swingstate. Genau so will er es heute wieder machen. Wieder mit einer großen Rede, wieder mit begeisterten Massen. Eine von hunderten Reden, die er in diesen Tagen im ganzen Land hält. Nur hier ist es eben besonders wichtig.

Die Massen kaufen Popcorn und Cola

Die Halle ist bis auf den letzten Platz besetzt – mindestens 10.000 Menschen. Stevie Wonder singt als Vorprogramm. Die Massen feiern, kaufen Popcorn und Cola, große Bildschirme verkünden "Forward" – weiter – das Motto dieser Obama-Kampagne. Es soll weiter gehen. Eine stämmige afroamerikanische Mutter wedelt sich mit einem Obama-Plakat Luft zu. Ein älterer Mann mit jüdischer Kippa auf dem Kopf vertieft sich in ein Buch. Ein asiatisches Kind schwenkt gelangweilt eine US-Flagge. Stevie Wonder lässt seinen letzten Song zu enden grölen. Das Warten nimmt kein Ende.

Ein greiser Pastor betet das Vater-unser vor - Hand auf Herz. Dann erklingt die Nationalhymne. Wieder Hand aufs Herz. Dann hat der Sänger einen Frosch im Hals. Kurze Stille. Stevie Wonder schleicht aus der Halle. "Seid ihr bereit?" schreien die Cheerleader, die letzten eilen mit Cola-XXL-Bechern auf ihre Plätze. Ungeduld macht sich breit. Warten auf den Präsidenten, auf den ehemaligen Hoffnungsträger, der grau geworden ist, nicht nur auf dem Kopf. Als er kommt, gehen die ersten.

Ein Republikaner hat sich eingeschlichen

Eigentlich ist alles wie früher – zumindest wenn man in die ersten Reihen schaut: Begeisterte Gesichter, Mädchen kreischen, alte Männer weinen. Ein Meer aus blauen Obama-Schildern. Lautstarker Jubel. Wie vor vier Jahren. Die Unentschlossenen sitzen weiter hinten. Sie wollen zuhören, aber das gelingt ihnen nicht. Obama setzt gerade zu seiner Rede an, da unterbricht ihn ein gellender Schrei. Ein Mann brüllt gegen den Präsidenten an, mit aller Kraft, aller Wut. Ein Republikaner hat sich eingeschlichen. Er schreit so laut, dass man Obama nicht mehr folgen kann. Die Massen rufen "Shut up", "Bringt ihn raus", alle drehen sich um. Der Mann schreit. Der Präsident ist irritiert. Er lacht verlegen, schweigt kurz. Man sieht, dass er überlegt, wie er sich verhalten soll. Das Schlimmste passiert: Die Kameras und Mikrofone wenden sich von ihm ab. Sie zeigen den schreienden Mann, der jetzt von der Polizei gepackt wird, der sich an die Absperrung klammert, der schreit wie am Spieß.

Für einen Moment hat Obama alles verloren: die Aufmerksamkeit, die Inhalte, die Glaubwürdigkeit. Der Präsident ist auf einmal sehr klein da vorne auf seiner Bühne, hinter den großen Schildern mit "weiter so". Sie tragen den schreienden Republikaner aus der Halle. Obama redet einfach weiter. Er spricht von "Change", lässt es genauso klingen wie vor vier Jahren. Jetzt klingt es irgendwie hohl. "Wo denn?" ruft irgendwer aus der Menge. "Wo ist denn der Wandel?" Obama beginnt, sich zu rechtfertigen. Dass auch Michelle manchmal nicht mit ihm zufrieden sei. Er selbst mit sich auch nicht. Aber dass er sage, was er denkt – und denke, was er sagt. Es klingt beschwörend. "Geht wählen", ruft er.

Obama muss zur nächsten Rede

Über der Bühne fallen die Großleinwände aus, die blaue "Forward"-Projektion fängt an zu flackern, wird grau. Weitere Besucher verlassen die Halle. Die anderen hat sich der Präsident langsam zurückerobert, mit seiner Rhetorik, seinen Appellen an bessere Zeiten. Die vielen Afroamerikaner in den Rängen nicken anerkennend, klatschen ihm zu. Ein kurzes "God bless you all", ein paar Hände schütteln, einmal winken – dann ist Obama verschwunden. Es ist fast 22 Uhr, heute Abend muss er noch eine Rede halten, mehrere Flugstunden weiter westlich in Colorado. Durch die Zeitverschiebung schafft er es dort vielleicht noch vor Mitternacht auf die Bühne. In Ohio fegen sie derweil die letzten "Change"- und "Forward"-Plakate zusammen. Ein Polizei-Beamter gähnt gelangweilt. Das Kind mit der US-Flagge ist eingeschlafen. "Er schafft das noch mal", sagt ein alter Afroamerikaner und nickt. "Meine Stimme hat er. Wir sind uns eben ähnlich." Er zeigt auf seinen Kopf. Auch er hat grauer Haare.


3. November: Auf nach Ohio!

Steubenville, Ohio, USA; Rechte: picture alliance
Ohio ist ein klassischer "Swingstate": hier die Stadt Steubenville

"As Ohio goes, so goes the nation" – so lautet das amerikanische Sprichwort, das wohl nicht treffender beschreiben könnte, wie wichtig der Swingstate Ohio für den Wahlausgang ist. Wie Ohio, so die Nation. Kein Republikaner ist je Präsident geworden, ohne in Ohio zu gewinnen. Das weiß Mitt Romney – und gibt sich deshalb alle Mühe, dort noch zu punkten. Der Staat ist ähnlich gespalten wie die Nation: der Norden sehr demokratisch, der Süden streng republikanisch. Die ökonomische Krise hat Ohio besonders hat getroffen. Viele Menschen sind arbeitslos und entsprechend frustriert. Schafft es Obama dennoch, das Blatt zu wenden? Er wird es versuchen – unter anderem mit einer Wahlkampf-Rede in Cincinatti. Da bin ich dabei!


2. November: Vorgarten-Philosophie

Obama steht mitten zwischen Crysanthemen und Stiefmütterchen. Warum stecken die Amis eigentlich alles, was sie mitteilen wollen, in ihren Vorgarten? Ich meine, man könnte ja auch intelligenter seine Meinung kundtun. Stattdessen sind die amerikanischen Vorgärten gepflastert mit politischen Pamphleten auf kleinen Plastikplanen, die wie wetterfeste Fähnchen in den Beeten stecken. "Yes we can again" steht da, oder "Auch ich bin ein Mitt Romney" – der arme Mann. "Wenn Obama gewinnt, wandere ich nach Guatemala aus", schreibt einer. Nur dass er leider nicht weiß, wie man Guatemala buchstabiert – und wohl auch nicht, wo das ist, oder ob man das essen kann. Ein Garten gefällt mir, da steht ein handgeschriebenes Plakat: "Ihr blöden Nachbarn, kümmert euch im Vorgarten lieber um die Pflanzen – und überlasst die Politik den Hinterzimmern!"


1. November: Prognosen-Spiel

Mitt Romney und Barack Obama auf Tv-Monitoren in einem Redaktionsraum; Rechte: picture alliance/Photoshot
Nach dem Hurrikan: Umfragen in allen Medien bestimmen den Tag

Beide Kandidaten haben ihre Wahlkampf-Tour wieder aufgenommen – der Kampf um einzelne Stimmen in den Swingstates hat begonnen. Die Medien überschlagen sich mit Prognosen, neusten Umfragen, möglichen Wähler-Meinungen – die "Polls" bestimmen den Tag. Es gibt im amerikanischen Wahlkampf die Tradition der "october surprise" – also einer Überraschung kurz vor der Wahl. So eine Überraschung wie in diesem Jahr hat es allerdings noch nie gegeben: Noch nie lag eine Naturkatastrophe so nah an einem Wahltermin. Mitt Romney muss sich rechtfertigen, warum er im Vorwahlkampf vollmundig verkündet hatte, die finanziellen Mittel der Katastrophenhilfe zu kürzen. Präsident Obama steht mit jedem Tag, an dem New York noch ohne Strom ist, mehr unter Druck – der Unmut in der Bevölkerung wächst.

"Eigentlich gut, dass die Wahl schon jetzt am Dienstag ist", sagt ein demokratischer Politprofi zu mir. "Damit haben die Republikaner und Medien wenig Zeit, Obama große Fehler nachzuweisen. Falls er sie gemacht hat, kommen die erst nach seiner Wiederwahl ans Licht." Und so versucht Obama, ganz staatsmännisch den "Commander in chief" zu geben, während Romney in nicht enden wollenden Reden immer wieder von seiner Wirtschaftskompetenz schwärmt.

Übrigens - einer republikanischen Bewegung könnte ein Sieg Romneys richtig schaden: der Tea Party Bewegung. Ein Tea-Party-Forscher der George Mason University erklärt mir: "Die Tea Party ist eine Anti-Bewegung. Sie funktioniert nur, solange sie in der Opposition ist." Ein Sieg Romneys könnte zumindest diesen Spuk beenden, sagt er. Könnte…


31. Oktober: Aufräumarbeiten

Beine in Gummistiefeln waten über eine überflutete Straße; Rechte: Picture Alliance/Landov
Hurrikan Sandy hat auch in Washington sichtbare Spuren hinterlassen

Der Sturm ist vorüber - das Chaos kennt keine Grenzen. Die Bilder aus New York sind furchterregend, viele Tote, Millionen Menschen ohne Strom. Und obwohl Washington wie durch einen glücklichen Zufall vom Schlimmsten verschont geblieben ist: Sandy hat auch in der Hauptstadt sichtbare Spuren hinterlassen. Entwurzelte Bäume, gesperrte Straßen. 300.000 Menschen ohne Strom. Ein Baum krachte unmittelbar auf das Vordach meines Nachbarhauses. Der Potomac ist über die Ufer getreten, Baumstämme treiben am Kennedy Center vorbei Richtung Atlantik. Erst herrscht noch eine bizarre Stille in der Stadt, selbst in Downtown sind die Straßen geisterhaft leer. Dann – wie auf Knopfdruck – kommt das Leben zurück: Die Metro fährt wieder, die Menschen hasten zurück zur Arbeit. Um im politischen Washington vor allem eine Frage zu diskutieren: Welche Auswirkungen hat Sandy auf die Wahl?

Obama und Romney haben ihre Wahlkampftour für einige Tage unterbrochen. Obama gibt ganz den Krisenmanager, ruft den Notstand aus, besichtigt die Verwüstung. Romney benennt kurzerhand ein Wahlkampf-Event um in eine Spendenaktion für die Flutopfer. Ansonsten kann er nicht viel machen: Romney muss warten, dass Obama einen Fehler macht - so wie George W. Bush im Jahr 2005, als er nach dem Hurrikan Katrina tagelang nicht reagierte. So etwas ist Obama nicht passiert – im Gegenteil: Sogar der prominente Republikaner Chris Christie, Gouverneur von New Jersey, lobte Obamas Krisenpolitik, die beiden Männer lagen sich medienwirksam in den Armen.

Diese neue "Romanze", wie die seltsame Freundschaft zwischen dem Republikaner Christie und dem demokratischen Präsidenten in Washington lächelnd genannt wird, wirft ein völlig neues Licht auf die Wahl: Könnte Sandy dem Präsidenten zu einem erneuten Wahlsieg verhelfen? Oder schadet sie ihm, weil in vielen Staaten das sogenannte "early voting", also die Möglichkeit, vorzeitig zu wählen, durch den Sturm unterbrochen wurde? Traditionell profitieren nämlich eher die Demokraten von den "early votings". Alle Forschungsinstitute können derzeit nur mutmaßen – es steht 50 zu 50. Und so stürzen sich die Amerikaner erstmal in wilde Halloween-Partys. Ausgelassen wird gefeiert, dass der meteorologische Sturm vorüber ist – und der politische Sturm noch kommt.


30. Oktober: Familien-Diskussionen

Das Buch "Amateur", das kritisch über Obamas erste Amtszeit berichtet, liegt auf dem Nachttisch; Rechte: WDR/Anna Osius
Kritische Bücher über Obama sind die momentane Lektüre der Familie Brown

Ich treffe Familie Brown. Sie ist vielleicht das, was man die typische amerikanische Upper-class-Familie nennen könnte: Der Vater ein erfolgreicher Bank-Manager im Ruhestand, die Mutter eine echte Dame, die sich in den gehobenen Kreisen Washingtons bewegt. Ihre beiden Kinder machen gerade ihren Harvard-Abschluss, der Sohn war zuvor (selbstverständlich) jahrelang in der Armee. Eine harmonische Familie – bis zu dem Punkt, wenn es um Politik geht. Dann fliegen die Fetzen - heute jedenfalls. Vor vier Jahren sah das noch anders aus – alle haben geschlossen für Obama gestimmt, sogar der eigentlich streng republikanische Vater. "Wir hatten solche Hoffnung, dass Obama dieses Land verändern kann", erzählen sie.

Die Euphorie ist Geschichte: In diesem Jahr unterstützt der Vater Mitt Romney und nennt Obama einen "lausigen Versager". "Typisch Demokraten halt, Amateure!" Die Tochter widerspricht wütend, sie will Obama eine zweite Chance geben und schimpft auf den "aalglatten, charakterlosen" Mitt Romney. Der Sohn zuckt mit den Schultern und sagt, ihm gefallen beide Kandidaten nicht – vielleicht wählt er gar nicht. Und auch seine Mutter ist unentschlossen: "Ich würde gerne den guten Charakter von Obama, sein tolles Auftreten kombinieren mit den klaren Ideen von Romney", sagt sie.

Nur in einem Punkt sind sich alle einig: Die vergangenen vier Jahre waren eine Katastrophe. "Jede Idee wurde von der gegnerischen Partei sofort blockiert – nichts hat sich bewegt, nichts hat sich verbessert", erzählt die Mutter. "So geht das nicht weiter: Wir sind alle müde von einer Politik, die nicht an das Wohl des Landes denkt, sondern nur an den eigenen Vorteil!" Sollte es Mitt Romney ins Weiße Haus schaffen, dann vielleicht auch deshalb: Weil die Amerikaner die lähmende Patt-Situation (republikanische Mehrheit im Kongress, demokratischer Präsident) nicht mehr aushalten – und sich nichts mehr wünschen, als dass sich endlich etwas im Land verändert.


29. Oktober: Im Auge des Hurrikans

Werbung für Instant-Kaffee; Rechte: WDR/Anna Osius
Auch die Coffeeshops haben sich auf die Notsituation eingestellt

Sandy ist da! Es schüttet und stürmt, das Wasser steht auf den Straßen, die Bäume biegen sich und brechen im Wind. Obama und Romney haben ihre Wahlkampf-Tour unterbrochen und widmen sich dem Krisenmanagement. Und der Hurrikan wirbelt nicht nur den amerikanischen Wahlkampf durcheinander. Die Schulen und Büros sind geschlossen, der öffentliche Nahverkehr liegt lahm, die Evakuierungen laufen an. Letzte schnelle Hamsterkäufe – wildfremde Menschen wünschen sich "good luck". An der Käsetheke murmelt der Verkäufer "Hey, das Leben geht weiter" – überzeugt klingt das nicht. Die Nachbarn haben sich einquartiert, weil sie keinen Keller haben – und fensterlose Räume sind gerade besonders wichtig. Solange das Telefonnetz noch funktioniert, bange Anrufe bei allen Freunden und Verwandten rauf und runter der Küste: "Are you ok? – Seid ihr sicher?" Amerika ist nervös – angesichts der Naturgewalten kann ein Wahlkampf selbst hier zur Nebensache werden.


28. Oktober: Sandy statt Obama

Leere Regale; Rechte: Reuters
Die Regale in den Supermärkten sind leer gekauft

Touch down in Washington D.C. – willkommen in der Hauptstadt. Kurz nach mir wird zur Begrüßung auch ein Hurrikan eintreffen – angesichts der erwarteten Aggressivität von Wirbelsturm "Sandy" ist die bevorstehende Wahl in den Medien und Köpfen der Leute kurzzeitig ausgeblendet. Stattdessen lassen die Amerikaner ihre Badewannen vollaufen (Reservewasser), machen Großeinkäufe (vor allem Petroleumlampen und Kerzen), in den Nachrichten laufen Durchsagen: "Vergessen Sie ihr Haustier nicht – denken Sie an einen Hundefutter-Vorrat!" Hamsterkäufe im Supermarkt, viele rechnen mit einem Stromausfall für mindestens ein paar Tage (kein Wunder angesichts der Überland-Stromleitungen überall). Die Gas-Kocher sind ausgepackt, im Coffeeshop protzt eine alte Dame, sie habe einen Generator für den Kühlschrank – und erntet dafür neidische Blicke. Washington bereitet sich vor – erst auf den Sturm, dann auf die Wahl.


27. Oktober: Ehrliche Diplomaten

Acht Stunden Flug nach Washington D.C., in das Machtzentrum der Vereinigten Staaten. Neben mir im Flieger sitzt John, ein amerikanischer Diplomat, der im Auftrag der Regierung als Krisenmanager im Nahen Osten unterwegs ist. "Warum kann uns eigentlich in der Welt keiner leiden?", fragt er mich und es klingt ein wenig verzweifelt. Er gesteht mir, dass er sich für seine Reisen eigentlich gerne ein T-Shirt drucken würde: Ich bin Kanadier. "Wir haben ganz schön viel falsch gemacht", sagt er und zuckt mit den Achseln. "Vier Jahre Obama konnten das auch nicht ändern." Die Erwartungen waren wohl einfach zu groß – und Obama sei ein Idealist, ein guter Redner, aber kein guter Politiker: "Kompromisse mit der Gegenseite sind nicht seine Stärke – wir haben so viel Chaos in der Regierung", erzählt er. "Was jetzt im Land passiert, macht mir Angst." Die Leute seien so frustriert, dass sie ganz rechts, ultrakonservativ – oder gar nicht wählten. "Es wird verdammt knapp für Obama", sagt John und rutscht unruhig auf seinem Flugzeug-Sitz hin und her. "Wir Diplomaten können da nichts mehr für ihn tun." Er muss es wissen.


26. Oktober: Kampf um die Stempel

Visum-Stempel und Fragebogen zur Einreise in die USA; Rechte: mauritius
Geschafft nach fast fünf Stunden Wartezeit

Der Kampf um die USA beginnt für mich in der Visa-Abteilung der amerikanischen Botschaft. "Soso, über die Wahl wollen Sie berichten", grinst mich der Officier an und verpasst mir die nötigen Stempel – nach fast fünf Stunden Warterei vor, neben und in der Botschaft. Das "Heimatschutz-Ministerium" dürfte stolz auf mich sein: Alle noch so kruden Formulare ausgefüllt, alle Gebühren bezahlt, Einkommens- und Arbeits- und Existenznachweise von mir und sämtlichen Verwandten angeschleppt. Sogar den richtigen Postumschlag (Express-Zustellung) hab ich dabei, damit der Pass mit eingeklebten Visum nach der Genehmigungs-Prozedur möglichst schnell wieder zu mir nach Hause gelangt. Die amerikanische Bürokratie kann sich sehen lassen. Leider kommt der Pass nie an. Nach Tagen bangen Wartens treibe ich ihn in einem Paket-Depot am anderen Ende der Stadt auf – so ein verschlampter "very important documents"-Expressumschlag kann ja mal passieren. Als sich dann die Angestellte zunächst weigert, mir den Brief auszuhändigen, fische ich den Pass in einem unbeobachteten Moment aus dem Umschlag und schmuggel ihn in meiner Hosentasche nach Hause… die Reise kann beginnen!




Stand: 07.11.2012




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